6. Nationales Osteology Symposium

Regeneration im Fokus

250 Teilnehmer kamen zum 6. Nationalen Osteology Symposium, das in diesem Jahr zum ersten Mal in Frankfurt am Main stattfand. Die beiden Chairmen Prof. Dr. Dr.Dr. Robert Sader und Prof. Dr. Frank Schwarz überraschten mit einem spannenden Kongresskonzept nach dem Vorbild des Politmagazins „Hart aber Fair“. Los ging es am ersten Tag mit spannenden Workshops.


Prof. Robert Sader

KEM sollten stärker kontrolliert werden, vertritt Prof. Robert Sader. © Barfuß


Wie sich das PRF-Protokoll (Platelet-Rich-Fibrin) zur Verbesserung der Wundheilung in Hart- und Weichgewebe umsetzen lässt, das demonstrierte Prof. Dr. Dr. Dr. Shahram Ghanaati, Frankfurt, in seinem Hands-on-Kurs. Auch in der niedergelassenen Praxis sei das kein Problem, unterstrich er. PRF biete viele Möglichkeiten zur minimalinvasiven autologen Transplantation in der regenerativen Chirurgie. Es wird durch die Zentrifugation aus dem peripheren Blut gewonnen. Die Blutentnahme und den Umgang mit der Technik trainierten die Teilnehmer im Workshop.

Ein Schlüsselfaktor für die erfolgreiche Implantation ist die Weichgewebedicke, wie PD Dr. Dr. Markus Schlee, Forchheim, im Workshop „Komplikationsma‧nagement“ an unterschiedlichen Fallbeispielen zeigte. Ein dünner Morphotyp führe signifikant häufiger zu Rezessionen, betonte er. Und zu dickes Weichgewebe, etwa im Oberkiefer-6er- und 7er-Bereich erzeuge Taschen. Dann werde besser ausgedünnt. Wie dick es denn sein soll, sei für den Menschen jedoch noch nicht belegt, räumte er ein. Er geht davon aus, dass eine Weichgewebedicke von 2 mm optimal ist, mehr als 4 mm dagegen sollten es nicht sein. Selbst Platform Switching spielt laut Schlee nur bei adäquater Weichgewebedicke seine Vorteile aus.

Ring frei

Im wissenschaftlichen Programm lieferten sich zwölf Referenten einen Schlagabtausch in Sachen Hart- und Weichgewebeaugmentation. Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Kramer, Göttingen, bereitete mit seinem Überblick über autogene, allogene, xenogene und synthetische Hartgewebematerialien für die Augmentation „das Feld“ für die anschließenden Diskussionen. Der autogene Knochen sei osteokonduktiv, osteoinduktiv und osteogen und gelte damit nach wie vor als Goldstandard, erklärte er. Alle anderen Materialien stufte er als biologisch weniger wertvoll ein. Allogene Ersatzmaterialien und demineralisierte Knochenmatrix wiesen aber auch Osteoinduktivität und Osteokonduktivität auf. Neben den allgemeinen physikochemischen Materialeigenschaften spielten auch strukturelle Eigenschaften, wie die Materialporosität, eine wesentliche Rolle für die erfolgreiche Osteokonduktion. Im Hinblick auf Durchbauung, Komplikationen und den Implantaterfolg zeigten klinische Metaanalysen, dass Knochen‧ersatzmaterialien unterschiedlicher Herkunft insgesamt ähnlich erfolgreich seien.

Für Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas, Mainz, steht fest: Goldstandard ist der autologe Knochen heute nicht mehr. „Wir sind groß geworden in Zeiten des Knochenblocks. Doch wie lange braucht es, bis die toten Zellen wieder lebendig werden?“, fragte er. „Wir wünschen uns eine primäre Heilung wie bei der Fraktur, haben es aber mit einer Ersatzresorption zu tun.“ Zudem sei die Qualität des autologen Knochens nicht immer gleich. In diesem Zusammenhang verspricht er sich viel von der Biologisierung. Der Bone-Scraper, „the most sexy instrument in implantology“, gewinne an Bedeutung. Denn: „Damit lassen sich Knochenpartikel öffnen, die einen großen Anteil an Wachstumsfaktoren enthalten. Da beginnt das Thema Biologisierung spannend zu werden.“ Bei dreiwandigen Defekten bevorzugt Al-Nawas Biomaterial. Gute Effekte habe aber das Beimischen von autologem Knochen zu BioOss.

„Versuchen Sie mit der 3S-Technik klarzukommen“

Man solle, bevor man über die Knochenersatzmaterialien spreche, erst einmal den Defekt analysieren. Das forderte Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden, Kassel, der das Thema Resorption in den Fokus rückte. Der Defekt gebe die Hierarchie der einzusetzenden Materialien vor, sagte er. Begrenzender Faktor der Alveolarkammrekonstruktion sei die Angiogenese. Terheyden: „Entscheidend ist somit die Diskussion jenseits der Schwelle von 3,7 mm, also jenseits dessen, was die Angiogenese schafft.“ Auflagerungen seien out, betonte er. „Vergessen Sie das. Versuchen Sie mit der 3S-Technik klarzukommen, mit Sinus Splitting Sandwich.“ Sie funktioniere bei extremer Atrophie, nach parodontalem Knochenverlust und zur Alveolarkammrekonstruktion.

Prof. Hendrik Terheyden

Prof. Hendrik Terheyden, Kassel, befasste sich mit dem Thema Resorption. © Barfuß

Das Schöne sei, dass das Zahnfleisch auf dem First des Kieferkamms bleibe und sich wie eine Manschette um die Implantate lege – mit einer Resorption über fünf Jahre von 0,5 mm. Man könne mit diesen Techniken den Alveolarfortsatz immer in prothetische Idealposition bringen. Für das Volumen sorge das KEM. Terheyden outete sich als klarer Gegner von Allografts und verwies auf das Antigenitätspotenzial als Risiko einer Immunologisierung hin.

Stärkere Kontrollen bei KEM

Auch die übrigen Diskutanten waren sich einig: In Sachen Allografts brauche es noch Studien. Das scheint aber auch für weitere Knochenersatzmaterialien zu gelten. Denn was in den Beipackzetteln der Materialien dokumentiert ist, stimmt nicht immer, wie Sader berichtete: „Wir haben das untersucht, von fünf KEM waren drei nicht sauber.“ Sprich, die Materialien enthielten organische Substanzen. Ob das klinische Relevanz habe, wisse man allerdings nicht, sagte er. Fakt aber sei, Knochenersatzmaterialien würden derzeit nicht ausreichend kontrolliert. Mit Inkrafttreten des neuen Medizinproduktegesetzes könnte sich das aber ändern, hieß es.

Für Geistlich Biomaterials sind Allografts auch in Zukunft kein Thema, wie Geschäftsführer Dr. Thomas Braun im Interview am Rande des Kongresses im Gespräch mit dem DENTAL MAGAZIN erklärte. Die in Allografts enthaltenen Proteine bergen seiner Ansicht nach – je nach Aufbereitungsprotokoll des Herstellers – ein Restrisiko der Krankheitsübertragung und der Alloimmunisierung durch die Anwesenheit der MHC-Antigene. Würde man Allografts jedoch weiter modifizieren, um solche Risiken auszuschließen, unterschieden sie sich kaum noch von Xenografts. Synthetische Materialien hält er derzeit für spannend. „Wir brauchen klar definierte Substanzen, bei denen wir verschiedene Parameter steuern können, etwa die Resorptionsgeschwindigkeit, die Stabilität und auch die Printing-Eigenschaften.“

Synthetische KEM, Scaffolds und PAR-Regeneration

Prof. Dr. Katja Nelson, Freiburg, bevorzugt derzeit autologe Blöcke, die Zukunft gehöre aber den Knochenersatzmaterialien, betonte sie. Hinsichtlich der Materialfrage sei sie aber nicht emotional. Noch kaum erforscht seien synthetische KEM, die ihrer Ansicht nach aber das höchste Zukunftspotenzial haben. Auch sie wies auf die Risiken der Allografts hin: Nachteil des Materials bleibe die organische Substanz. Als Erfolgsfaktoren für die Knochenaugmentation nannte sie die Immobilität des Transplantats, die maximale Auflage auf dem Restknochen, die weichgewebige Deckung, die Materialwahl und die Erfahrung des Operateurs. Auch dabei schneide das autogene Material am besten ab. Als „schlau“ bezeichnete sie die Verwendung allogener Transplantate mit der Knochenschale.

Dr. Dr. Keyvan Sagheb, Frankfurt, setzt auf individualisierte Scaffolds (Gerüste), da diese vorab plan- und gut umsetzbar sind und die intraoperative Zeit verkürzen. Gerade bei komplexen Defektgeometrien sei das ein Vorteil. Die CAD/CAM-Technologie funktioniere gut, sowohl bei Blöcken als auch bei Gittern. Die Dehiszenzrate bei Titangittern habe sich mit dem Einsatz individuell geprinteter Titangitter verringert, erklärte er. Allerdings ist bislang bei dieser Methode immer noch ein Re-Entry nötig, um das Gitter wieder zu entfernen.

Was sich mit der PAR-Regeneration erreichen lässt, war das Thema von Prof. Dr. Stefan Fickl, Nürnberg/Fürth. Die nichtchirurgische PAR-Therapie sei nicht gerade sexy, gab er zu, habe aber ein enormes Potenzial. Wenn man es schaffe, die Entzündung „zu drücken“, ließen sich auch vermeintlich hoffnungslose Zähne retten. Fickl: „Alle Zähne, die nicht spontan abgehustet werden, sollten bleiben.“ Ein Riesenproblem bereiteten aber Furkationen, sagte er. Auch gelinge es kaum, die Pfeilerwertigkeit von PAR-Zähnen zu verbessern.

 

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