Pro und Contra

Keramikimplantate: Einteilig versus zweiteilig

Materialbedingt wurden Keramikimplantate bislang vor allem einteilig angeboten. Doch immer mehr Anwender verlangen nach der gleichen prothetischen Flexibilität wie bei Titanimplantaten. Hersteller haben reagiert und bieten nun auch immer bessere zweiteilige Systeme an. Noch ist die Datenlage dünn, aber es geht voran.


Kontrovers_Keramikimplantate_zweiteilig

Während Prof. Dr. Dr. Werner Zechner (links) ein „Zurück“ zur Einteiligkeit ablehnt, macht sich Prof. Dr. Michael Gahlert für die Weiterverwendung einteiliger Keramiksysteme stark. © privat


+ Pro:Einteilige Keramikimplantate dürfen auf keinen Fall in der Versenkung verschwinden“

Prof. Dr. Michael Gahlert, München/Basel

Aus meiner Sicht dürfen aufgrund der starken Nachfrage nach zweiteiligen Keramikimplantaten die einteiligen Keramikimplantate auf keinen Fall in der Versenkung verschwinden; die klinischen Ergebnisse sind aufgrund prospektiver Langzeitdaten als sehr gut zu bezeichnen. Wer in der Lage ist, einteilige Keramikimplantate richtig zu positionieren, ahmt am natürlichsten den einteiligen Zahn nach. Das Problem von Schraubenlockerungen und Mikrospalten unter dem Zahnfleisch fällt weg. Das einteilige Prinzip ergänzt sich so biologisch mit dem völlig inerten und biokompatiblen Werkstoff Zirkoniumdioxid.

Einteilige Keramikimplantate noch nicht überholt

Weil sich viele Kollegen nicht zutrauen, einteilige Keramikimplantate richtig zu positionieren, wünschen sie sich zweiteilige Keramikimplantate, auch aus Gründen erhöhter prothetischer Flexibilität. Und: Es kann auch durchaus sein, dass ein Umdenken ansteht und die Einteiligkeit doch nicht überholt ist. Denn mit den neuen Druckergenerationen lässt sich der extrahierte Zahn scannen und bald aus Zirkondioxid drucken. Auch das halte ich für einen vielversprechenden Behandlungsansatz mit einem einteiligen Implantat.


Bei den zweiteiligen Systemen fehlt es noch an wissenschaftlich relevanten Langzeitdaten. Die Systeme sind ja erst maximal fünf Jahre auf dem Markt. Die Verlaufskontrolle von Jank und Hochgatterer (siehe Infokasten) hat aus meiner Sicht wenig Evidenz. Prospektive Studien von zweiteiligen Keramikimplantaten sind jedoch schon angelaufen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann erste seriöse Daten zu Verfügung stehen.

Unsere wissenschaftliche Gruppe um Dr. Stefan Röhling konnte im Rahmen der ITI Konsensuskonferenz 2018 in Amsterdam Konsensusstatements bezüglich der Anwendung von Keramikimplantaten erarbeiten. Diese wurden 5–2019 im Journal „Clinical Oral Implants Research“ publiziert [1].

Fehlende prospektive Langzeitdaten für zweiteilige Keramikimplantate

Die intensive Auswertung der Weltliteratur und deren Überprüfung nach Evidenzgehalt zeigte uns, dass zweiteilige Keramikimplantate aufgrund fehlender prospektiver Langzeitdaten mit der gebührenden Vorsicht als Medizinprodukt anzuwenden sind. Hingegen ist die Datenlage bei einteiligen Systemen besser und zeigt, dass über einen Zeitraum von zwei Jahren vergleichbar gute Ergebnisse wie bei zweiteiligen Titanimplantaten zu erzielen sind.

Die zwischenzeitlich sehr guten klinischen Erfahrungen mit zweiteiligen Keramikimplantaten, die jedoch noch nicht evidenzgesichert sind, können ebenfalls als vorsichtige Anwendungsempfehlung für Keramikimplantate gelten, sofern eine klinische Alternative zu einteiligen Keramikimplantaten gewünscht wird.

– Contra: „Einteilige Keramikimplantate sind und waren für uns keine wünschenswerte Option“

Prof. Dr. Dr. Werner Zechner, Wien

Unbestritten ist die Datenlage mit Blick auf die Osseointegration zweiteiliger Keramikimplantate geringer als bei zweiteiligen Titanimplantaten, die bis zu 36 Jahre evidenzdokumentierte Erfolgsergebnisse [Chrcanovic et al. 2017] vorweisen können. Doch auch erste längerfristige Daten für zweiteilige Keramik-Implantatsysteme [Koller et al. 2020 bis zu knapp 7 Jahren] sind publiziert und die Datenbasis wird breiter. Die von Jank und Hochgatterer 2016 als „Success Rate“ beschriebenen Werte (eine deskriptive Aufarbeitung von zweiteiligen Keramikimplantaten – über insgesamt vier Jahre ausgewertet – von an den Hersteller zurückgesendeten Implantaten in Relation zu den ausgelieferten Implantaten innerhalb desselben Zeitraums) lagen bei 96,7, 98,5 und 99,4 % je nach Implantattyp unter Annahme einer zwei prozentigen Quote von nicht eingeschickten, verloren gegangenen Implantaten.


Zweiteilige Keramikimplantate bieten ebenbürtige Flexibilität und Sicherheit

Auch wir an der Universitätszahnklinik Wien halten es deshalb für sinnvoll, mit zweiteiligen Keramikimplantaten mehr Erfahrungen zu sammeln und – unter Berücksichtigung der Materialeigenschaften – einzusetzen. Einteilige Keramikimplantate sind und waren für uns trotz publizierter Datenlage wegen des Zementierens und der prothetischen Limitierungen keine wünschenswerte Option. Neue Implantatmaterialien und -systeme haben meiner medizinethischen Auffassung nach zumindest eine ebenbürtige prothetische Flexibilität und Behandlungssicherheit aufzuweisen wie der evidenzbasierte „Goldenstandard“. Ein „Zurück“ zur Einteiligkeit soll es ob der Nachteile für Patient und Behandler nicht geben. Als Nachteile sind dabei zu nennen, dass im Falle einer Periimplantatitis oder Keramikabsplitterung eine Servicierbarkeit in Ermangelung einer bedingten Abnehmbarkeit (die wir trotz Herausforderungen an die 3D-Implantatposition stets anstreben) nicht zerstörungsfrei, sondern nur aufwandsintensiv durchführbar ist. Auch ein Abutmentwechsel, zum Beispiel bei einer eventuellen Weichgewebsrezession, ist nur bei zweiteiligen Systemen möglich.

Vorteile der zweiteiligen Titanimplantate auch auf neue Materialien übertragen

Eine weitere, lesenswerte Publikation ist der systematische Review (2017) von Pieralli et al., die erfolgversprechende kumulative Überlebensraten von 93,3 %–97,9 % von Zirkonimplantaten in einem Beobachtungszeitraum von 12 bis 60 Monaten beschreiben. Neben diesen Studien gibt es auch einige interessante Studienergebnisse zum Hart-, Weichgewebs- und ästhetischen Einheilungsverhalten von Keramikimplantatoberflächen und -abutments von Sailer I. et al. 2018, Chappuis V. et al., Cosgarea R. et al. und Kajiwara N et al. Ich bin ein Befürworter der zweiteiligen Systeme. Die Vorteile der zweiteiligen Titanimplantate sollten auch auf neue Materialien übertragen werden können. Ich sehe weder für einteilige Keramik- noch für einteilige Titanimplantate einen sinnvollen Markt abseits einer provisorischen Versorgungsoption.

Zweiteilige Keramikimplantate – eine Verlaufskontrolle
  • Mehr als 15.000 in Patienten eingesetzte zweiteilige ZERAMEX Keramikimplantate weisen hinsichtlich der Osseointegration eine Erfolgsrate vor, die sich über drei Produktgenerationen hinweg von 96,7 % auf 98,5 % verbessert hat. Das ist das Ergebnis einer veröffentlichten Verlaufskontrolle, die unter der Leitung von Universitätsprofessor Dr. Dr. Siegfried Jank aus Hall (Österreich) durchgeführt wurde.
  • Ziel war es, retrospektiv den klinischen Erfolg der zweiteiligen ZERAMEX Keramikimplantate bezüglich der Osseointegration zu ermitteln. Als Grundlage dienten die Garantiedaten des Herstellers. Die Daten wurden über eine Zeitspanne von vier Jahren von 2010 bis 2014 retrospektiv und geblindet ausgewertet, wobei die 15 255 verkauften ZERAMEX Implantate mit der Zahl der Implantate, die für Garantiefälle zu ersetzen waren, ins Verhältnis gesetzt wurden.
  • 347 Implantate (2,2 %) waren nicht osseointegriert und wurden an den Hersteller zurückgesandt. Die ZERAMEX T Implantate (Tapered Design) erreichten eine durchschnittliche Erfolgsrate von 96,7 % und die ZERAMEX T Implantate mit einer ZERALOCK-Verbindung kamen auf eine durchschnittliche Erfolgsrate von 98,5 %. Des Weiteren erzielten ZERAMEX Plus Implantate eine durchschnittliche Erfolgsrate von 99,4 % innerhalb der untersuchten Periode. Unter der Annahme, dass 2% der nicht eingewachsenen Implantate nicht zurückgesandt wurden, bleiben die vorher genannten Werte gleich. Bei einer Annahme von 5 % (10 %) nicht retournierter Implantate ergeben sich die folgenden Erfolgsraten: ZERAMEX T sinkt von 96,7 % auf 96,6 % (96,4 %); ZERAMEX T mit ZERALOCK-Verbindung sinkt von 98,5 % auf 98,4 % (98,4 %) und ZERAMEX P bleibt unverändert auf 99,4 %. Wichtig: Es handelte sich dabei um eine statistische Auswertung, nicht um eine wissenschaftliche Studie.

Quelle: Jank S et al., Success Rate of Two-Piece Zirconia Implants: A Retrospective Statistical Analysis. Implant Dent. 2016 Apr; 25 (2)


Literatur
  1. Zirconia compared to titanium dental implants in preclinical studies-A systematic review and meta-analysis. Roehling S, Schlegel KA, Woelfler H, Gahlert M. Clin Oral Implants Res. 2019 May;30(5):365–395.

Die Experten

© Privat

Prof. Dr. Michael Gahlert
seit 1990 niedergelassen in eigener Praxis in München, seit 2011 am Hightech-Forschungs-Zentrum der Universität Basel, befasst sich seit Jahren wissenschaftlich mit Keramikimplantaten
mg@oralchirurgie-t1.de

© Privat

Univ.-Prof. Dr. Dr. Werner Zechner
Stellvertretender Leiter des Fachbereichs Orale Chirurgie und Implantologie der Universitätszahnklinik Wien, private implantologische Überweiserpraxis in Wien
werner.zechner@meduniwien.ac.at