Implantatreinigung

Ionen gegen Biofilm

Ein Paradigmenwechsel in der Periimplantitistherapie bahnt sich an. Kratzen, Bürsten und Schleifen könnten bald Schnee von gestern sein. Nach sieben Jahren hat die internationale Forschungsgruppe um Dipl.-Ing. Holger Zipprich, Dr. Urs Brodbeck und PD Dr. Dr. Markus Schlee eine elektrolytische Implantatreinigungsmethode zur Marktreife gebracht und das Schweizer Unternehmen GalvoSurge gegründet. Anfang August haben sie zudem die CE-Zertifizierung erhalten. Wird der „electrolytic approach“ die Periimplantitistherapie revolutionieren? Antworten liefern Zipprich, Brodbeck und Schlee im Interview.


Schlee GalvoSurge Becherglasversuch

Mit einfachen Becherglasversuchen hat alles begonnen. Jetzt hat GalvoSurge die CE-Zertifizierung, den Exklusivvertrieb übernimmt Nobel Biocare. (© Zipprich)


Herr Dr. Schlee, trotz exzellenter Langzeitergebnisse in der Implantologie häufen sich periimplantäre Erkrankungen. Was kann helfen, die Periimplantitis besser als bisher zu heilen?

Schlee: Eine andere Art der Biofilmentfernung. Das haben wir uns bereits vor sieben Jahren auf die Fahnen geschrieben. Nun können wir ein Reinigungssystem auf den Markt bringen, das es schafft, den Biofilm von Makro- und Mikrostrukturen dentaler und orthopädischer Implantate in situ komplett zu entfernen. Ziel ist es, eine reosseointegrationsfähige Oberfläche zu erhalten.

Und wie funktioniert das genau?

Schlee: Es handelt sich um ein elektrolytisches Verfahren, bei welchem das Implantat in einen elektrolytischen Prozess mit eingebunden ist.

Zipprich: Wir legen an das Implantat eine elektrische Spannung an, besprühen es mit einem gepufferten Elektrolyten, was aber ein Aufklappen erfordert. Denn nur dort, wo die Lösung hinkommt, kann sie wirken.

Das klingt kompliziert …

Zipprich: Aber nur in der Theorie, die Handhabung ist sehr einfach. Der wesentliche Schritt ist, dass das Wasser quasi elektrolytisch gespalten wird in H+- und OH–Ionen. Das negativ geladene Implantat zieht die H+-Ionen an, welche auf der Implantoberfläche reduziert werden, es entsteht Wasserstoff, sichtbar als kleine Bläschen auf dem Implantat, die den Biofilm vom Implantat aus wegdrücken. Es handelt sich also um ein mechanisches Verfahren basierend auf der elektrolytischen Reinigung.

„Signifikanter Gewinn an sichtbaren und sondierbaren Knochen“

Gibt es bereits erste Studien?

Brodbeck: Wir haben anfangs explantierte Implantate nach diesem Protokoll gereinigt. Mit Erfolg. Es zeigte sich, dass dieses Reinigungsprotokoll problemlos bei allen Implantatsystemen funktioniert. Auch unsere Tierstudie belegt, dass sich der Biofilm mit der elektrolytischen Reinigung komplett entfernen lässt. Jetzt widmen wir uns der Klinik. Wir haben bereits die 24 Fälle abgeschlossen, die wir zur CE-Zulassung brauchen.

Wie genau sind Sie vorgegangen?

Schlee: Nach dem Aufklappen und der elektrolytischen Reinigung haben wir augmentiert, zugenäht und ein halbes Jahr später wieder freigelegt. Wir konnten bei allen Implantaten einen signifikanten Gewinn an sichtbaren und sondierbaren Knochen gewinnen. In einigen Fällen gelang die knöcherne Regeneration bis über das Implantat hinaus. Die Fälle, bei denen keine vollständige Regeneration erreicht werden konnte, waren schwer zu augmentieren (Fehlpositionierung der Implantate, Klasse II Knochendefekte usw.).

Limitation auf Knochendefekte von 8 Millimetern

Gibt es auch Limitationen?

Schlee: Noch sind wir mit dem Protokoll auf 8-mm-Knochendefekte limitiert. Dazu gelten natürlich die bekannten Limitationen der Augmentationschirurgie. Bei kraterförmigen Defekten ist das kein Thema, beim vertikalen Knochenabbau sieht das anders aus. Auch sollten die Implantate noch stabil im Knochen stehen und die Achse im Fenster stehen.

Warum? „Periimplantitisimplantate“ sind doch stets locker?

Schlee: Nein, selbst wenige Millimeter Restknochen am Implantat reichen für dessen völlige Immobilität. Das macht die Erkrankung ja so gefährlich. Oft haben die Patienten keinen Schmerz und die Implantate fühlen sich an wie immer. Deshalb bleibt die Erkrankung oft unbemerkt und triggert den ganzen Organismus auf Entzündung. Es sind nicht wenige Fälle bekannt, bei denen sich bei längerer Entzündung am Implantat ein Plattenepithelkarzinom entwickelt hat.


Implantoplastik keine Alternative

Halten Sie bei fortgeschrittener Periimlantitis eine Implantoplastik heute noch für eine adäquate Alternative?

Schlee: Eher nicht, es ist der Versuch, den nicht vollständig entfernbaren Biofilm dann eben mit der rauen Oberfläche des Implantats zu entfernen. Die ursprüngliche Mikrostruktur wird zerstört und Schleif- und Titanmikropartikel werden in den Geweben verteilt. Zwischen dem Nachweis von Titanmikropartikeln in den periimplantären Geweben und entzündlichen Prozessen besteht eine positive Korrelation. Eine Osseointegration an den beschliffenen bzw. polierten Oberflächen habe ich im eigenen Klientel noch nie gesehen.

… und dann lagert sich erneut Biofilm an?

Schlee: Korrekt. Und genau das ist das Manko aller herkömmlichen Methoden. Es lagert sich wieder Biofilm an, da die Reinigung nicht ausreichend ist und sich kein Knochen mehr an die Implantatoberfläche andocken kann. Ohne Reosseointegration dürfte aber stets erneuter Biofilm entstehen, man wird langfristig scheitern.

„Allen derzeit verfügbaren Methoden überlegen“

Und GalvoSurge macht die Implantatoberfläche reosseointegrierbar?

Zipprich: Richtig, unsere elektrolytische Reinigungsmethode ist vom Grundprinzip allen derzeit verfügbaren Methoden überlegen und hat sich einmal Knochen an der Implantatoberfläche gebildet, kann sich kein Bakterium mehr ansiedeln.

Wie gehen Sie nach erfolgter Galvo‧Surge-Therapie vor?

Brodbeck: Der häufigste Grund zur Entstehung einer Periimplantitis sind Bakterienbeläge, die sich rund um das Implantat ungehindert bilden können. Oftmals fördern nicht reinigbare Rekonstruktionen, sowie übersehene Zementreste diese Biofilmbildung, dies auch bei sonst optimaler Mundhygiene. Dies bedeutet in vielen Fällen, dass die Prothetik nach der Implantatreinigung nicht einfach wiedereingesetzt werden sollte.

Weil sich sonst eine neue Periimplantitis entwickelt?

Brodbeck: Richtig, eine gute Mundhygiene sollte auch bei Implantatrekonstruktionen stets einwandfrei möglich sein. Um die erneute Etablierung eines Biofilmes optimal zu verhindern sollte die Prothetik auch im Nachhinein immer auf Hygienefähigkeit geprüft und allenfalls modifiziert werden. Im Speziellen sollte darauf geachtet werden, dass interdental-/interimplantat-Hygiene mit Bürstelis einwandfrei möglich ist.

Chirurgisches Verfahren braucht Erfahrung

Wie steil ist die Lernkurve?

Schlee: Das GalvoSurge-Verfahren an sich ist recht einfach in der Anwendung. Anspruchsvoll bleibt hingegen der chirurgische Teil, denn dazu braucht es Erfahrung im Umgang mit Augmentationstechniken und -materialien sowie dem Legen von Membranen. Man muss in der Lage sein, Lappen zu mobilisieren und einen sicheren Wundverschluss durchzuführen. Dies sind entscheidende Faktoren, die zum Erfolg der Periimplantitistherapie mit GalvoSurge beitragen.

Suchen Sie neben Nobel Biocare weitere Kooperationspartner?

Brodbeck: Das GalvoSurge-Verfahren ist bei allen Implantatsysteme anwendbar, somit können alle zurzeit aktuellen Implantatoberflächen gereinigt werden. Wir haben bereits alle präklinischen Phasen – In-vitro- und Tierstudien – und auch die Pilotstudie durchgeführt. Das Verfahren wird nun multizentrisch untersucht und sollte ab 2020 für die Allgemeinheit verfügbar sein. Dazu wird der Behandler ein Steuergerät, Spülflüssigkeit und pro Patient ein Schlauchpaket benötigen.

Die Revolution hat also begonnen?

Schlee: Ja, für die Reinigung von Titanimplantaten. Wir haben nun auch die CE-Zertifizierung. Jetzt arbeiten wir daran, Keramik leitfähig zu machen. Denn: Je mehr Implantate von dem Biofilm befreit werden, desto besser. Das ist der Schlüssel zur Erhöhung der Implantatüberlebensraten.


Die Experten

PD Dr. Dr. Markus Schlee
ist seit 1990 niedergelassen in eigener Praxis in Forchheim, Tätigkeitsschwerpunkte: Implantologie, Parodontologie

Dr. Urs Brodbeck
Medizinischer Leiter der Zahnärztlichen Gruppenpraxis Zürich Nord, Schwerpunkte: Implantologie, Ästhetische Zahnheilkunde

Dipl.-Ing. Holger Zipprich
studierte Elektrotechnik, seit 2001 in der Sektion Werkstoffkunde, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Universität Frankfurt a. M.
Sie wollen mehr über den Experten Holger Zipprich erfahren? Hier geht es zum Porträt mit dem Diplom-Ingenieur.