Evidenz trifft Innovation


Prof. Johannes Kleinheinz

Prof. Johannes Kleinheinz, Vorsitzender der deutschen Sektion des ITI, betonte die inhaltliche Eigenständigkeit des ITI: „Wir sind ein loyaler, aber kritischer Partner Straumanns.“ © Deutsche ITI Sektion


Spannend startete bereits der Vorabend des ITI-Kongresses. Straumann hatte ins World Congress Center Bonn zum „Forum Markt und Strategie“ eingeladen. Im Fokus standen Trends und strategische Aspekte im Zahnersatzmarkt. „Werden 3D-Printer die Zahnmedizin revolutionieren?“, fragte Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas, Mainz, in seinem Initialvortrag. Er skizzierte die Entwicklung vom Digital Light Processing (DLP) über das Fused Deposition Modeling (FDM) hin zum Selective Laser Sintering (Melting). Schon heute gehöre der 3D-Druck zum Alltag – etwa bei der Erstellung von Titan-Meshes, Schablonen, Schienen; auch Modelle ließen sich präzise drucken. Zu erwarten sei, dass bald Provisorien gleich nach dem Scan vor Ort hergestellt werden. Das Drucken mit PEEK für definitive Versorgungen berge aber noch den Nachteil zu rauer Oberflächen. Ob 3D-Printer künftig in der Zahnarztpraxis oder im Labor ständen, werde sich noch klären.

Prof. Al-Nawas im Interview auf dem Dental Online Channel:

3D-Druck in der Zahnmedizin: Was bringt die Zukunft?

Marco Gadola, CEO der Straumann Group, nannte die Digitalisierung den Zukunftstrend Nummer eins, der aber noch am Anfang stehe: In Deutschland nutzten gerade einmal 15 bis 20 Prozent der Zahnärzte Intraoralscanner – aber 75 Prozent der Labore. Dass sich Straumann dem Nichtpremiumsegment widmet, zeigt die Übernahme von Neodent und Medentika. Gadola: „Dieser Bereich wächst um durchschnittlich fünf Prozent, der Premiummarkt nur um ein Prozent.“ Zwei von drei derzeit gesetzten Implantaten seien aus dem Nichtpremiumsegment. Seit 2012, als man noch ein reiner Implantatanbieter war, habe sich Straumann über den Totalanbieter für Zahnersatz (2016) hin zu einem Lösungsanbieter für ästhetische Zahnmedizin, der man ab 2018 sein möchte, entwickelt. Dazu gehöre auch das verstärkte Engagement in punkto Orthodontie. Der Grund: 75 Prozent der Bevölkerung haben eine leichte bis schwere Zahnfehlstellung.

2019 soll die Aligner-Technologie des Partners ClearCorrect auch in Deutschland angeboten werden, wie Holger Haderer, Geschäftsführer Straumann Deutschland, erklärte. Er erläuterte die Straumann-Strategie der kommenden Jahre im Implantatmarkt. Unter anderem kündigte er an, dass das zweiteilige Straumann-Keramikimplantat nach dem derzeit limitierter Marktstart flächendeckend eingeführt wird.

Einteilige Implantate behalten die Berechtigung

Dr. Stefan Röhling, Lörrach, der seit sechs Monaten das neue Zweiteilige setzt (90 Fälle), ist von Keramikimplantaten überzeugt. Sowohl ein-, als auch zweiteilige Implantate aus Zirkonoxid hätten wissenschaftlich unter Beweis gestellt, dass sich mit ihnen zuverlässig und voraussagbar klinische Langzeiterfolge erzielen ließen, betonte er. Vor allem die Entwicklung neuer, wesentlich rauerer Zirkonoxidimplantatoberflächen habe Fortschritte ermöglicht. Experimentellen Studien zufolge sei zudem die Wahrscheinlichkeit der Entstehung einer Periimplantitis geringer. Auch wenn die zweiteiligen Keramikimplantate derzeit en vogue sind, bleibt Röhling ein Fan der einteiligen Varianten. Sie hätten nach wie vor ihre Berechtigung, auch für Brücken und im zahnlosen Bereich. Die Ergebnisse seien gut vorhersagbar.

Dr. Röhling im Interview auf dem Dental Online Channel

Die ästhetische Zone

PD Dr. Arndt Happe, Münster, nahm sich die „Schlüsselfaktoren für den Erfolg in der ästhetischen Zone“, vor. Er definierte die korrekte dreidimensionale Position des Implantats, eine adäquate Knochenarchitektur und stabiles Knochenvolumen und das Weichgewebe als Voraussetzungen für das Erzielen eines ästhetisch zufriedenstellenden Ergebnisses. Schwierig werde es bei benachbarten Implantaten in der ästhetischen Zone. Kann etwa der Mindestabstand von 3 mm nicht eingehalten werden, kommt es zum Papillenverlust. Korrekte Planung sei das A und O, betonte Happe. „Man hat wenig Spielraum und nur einen Schuss frei.“ Mit Planungssoftware und DVT ließen sich Fehlpositionierungen vermeiden. Weitere Schlüsselfaktoren für die erfolgreiche Implantation in der ästhetischen Zone seien die adäquate Weichgewebsdicke und -qualität, ein stabiles Knochenvolumen sowie die Entwicklung und den Erhalt der Weichgewebskontur. Erhebliches Verbesserungspotenzial sieht er bei der Implantatfreilegung, für die er die Split-Finger-Technik nach Misch empfiehlt.

Ebenfalls komplexen ästhetischen Anforderungen widmete sich der in Nürnberg/Fürth niedergelassene Prof. Dr. Stefan Fickl. „Die ästhetisch-kritische Zone – Sofortimplantate oder verzögerte Verfahren?“, fragte er und stellte gleich zu Beginn seiner Ausführungen klar, dass die Voraussetzungen für eine Sofort‧implantation mit Blick auf den Knochen und das Weichgewebe besser sein müssten als bei einem natürlichen Zahn. Nur dann ließe sich ein stabiles und ästhetisch zufriedenstellendes Ergebnis erzielen. Stimmten die Voraussetzungen, betrachtet er die Sofortimplantation einfaches und wirtschaftliches sinnvolles Verfahren. Im Zweifel plädiert er für verzögerte Verfahren, die aber zu orofazialen Gewebeverlusten führten.

Die plastisch-ästhetische Parodontalchirurgie rückte Prof. Dr. Dr. h.c. Adrian Kasaj, Mainz, in den Fokus. Noch sei das autologe Bindegewebstransplantat der Goldstandard bei der Behandlung umfassender Rezessionsdefekte. Doch die Entnahme sei schmerzhaft und autologes Gewebe stehe nicht immer in ausreichender Menge oder Qualität zur Verfügung. Die Lösung: Weichgewebsersatzmaterialien. In Kombination mit koronalen Verschiebelappen und Emdogain ließen sich damit ähnlich gute Ergebnisse erzielen wie mit autologen Bindegewebstransplantaten allein.

„Nichts für Anfänger“

Mit den erweiterten therapeutischen Optionen mit schmalen zweiteiligen Implantaten mit einem Durchmesser von weniger als 3 mm befasste sich Dr. Dr. Andreas Hentschel, Zwickau. Die 2,9er sind indiziert für den Ersatz der Schneidezähne im Unterkiefer oder der lateralen Schneidezähne im Oberkiefer, wenn sich ein 3,3er aus anatomischen Gründen nicht inserieren lässt. Sie eignen sich besonders bei extrem schmalen Knochenkämmen, bei denen aus klinischen Gründen nicht augmentiert werden soll.

Typische Indikationen sowohl für 3,3-mm- als auch für 2,9-mm-Durchmesser-Implantate sind die seitlichen Schneidezähne des Ober- und die Inzisiven des Unterkiefers sowie bei jüngeren Patienten Nichtanlagen oder auch Unfälle mit Zahnverlust. Zwar werde mit den 2,9-mm-Durchmesser-Implantaten eine Dimension unterschritten, die kritisch zu sehen sei, sagte Hentschel. Doch er könne sich durchaus „Schritt für Schritt“ Indikationserweiterungen vorstellen, etwa den Molarenersatz mit zwei 2,9ern. Deutlich machte er zudem, dass die „Schmalen“ nicht dafür gedacht seien, stets „das letzte Quäntchen Knochen auszunutzen“. Das aggressive Gewindedesign erfordere Sorgfalt: „Das ist nichts für Anfänger.“

Dr. Hentschel im Interview auf dem Dental Online Channel:

Molar mit zwei Implantaten ersetzen? „Interessante Vorstellung!“

PD Dr. Dr. Christian Daniel Naujoks, Brühl, präsentierte unterschiedliche Fallbeispiele zur Versorgung zahnloser Ober- und Unterkiefer. Klar machte er gleich zu Beginn: Eine One-fits-all-Lösung gibt es nicht. Es braucht grundsätzlich patienten‧individuelle Konzepte. Er selbst outete sich als Fan der All-on-four-Lösungen à la Malo für zahnlose Kiefer, weil das Konzept die Lebensqualität der Patienten deutlich erhöhe.

Die Zahl der erforderlichen Implantate im zahnlosen Oberkiefer – ob vier oder sechs – könne noch nicht abschließend beurteilt werden, sagte Naujoks. Wie viele Implantate er da inseriere, entscheide er in seiner Praxis von Fall zu Fall. Als Kontraindikation für Pro-Arch-Konzepte nannte er vor allem mangelhafte Mundhygiene. Dass auch einmal ein durchaus erhaltungsfähiger Zahn „dran glauben müsse“ oder der Kieferknochen reduziert werden müsse, nehme er in Kauf. Aber das müsse mit dem Patienten detailliert besprochen werden.

Dr. Naujoks im Interview auf dem Dental Online Channel:

Full-Arch-Konzepte: Patientenaufklärung ist das A und O

Eingespieltes Teamwork

Wie das perfekte Zusammenspiel von chirurgischer Praxis und Dentallabor dank der Integration moderner Technologien wie Intraoralscanner und 3D-Drucker funktioniert, demonstrierten Dr. Dr. Rainer Fangmann, Wilhelmshaven, und ZTM Fabian Zinser, Loxstedt. Sie zeigten an Patientenfällen, wie sich durch gute Abstimmung – von der Planung bis zur finalen Restauration – die Vorhersagbarkeit deutlich erhöhen lässt. Ihre Take-Home-Message: Das Labor muss detaillierte Informationen erhalten. Der Zahntechniker sollte die Indikation und die angedachte Implantatposition kennen und mit dem überweisenden Zahnarzt besprechen. Er muss wissen, warum welches Implantatsystem zum Einsatz kommt. In diesem Fall kommunizieren Praxis und Labor mittels der „CoDiagnostix“-App für iOS.

Dass die Qualität der DICOM-Daten derzeit noch nicht so gut ist, dass man ohne eine manuelle Segmentierung auskommt, um einen präzisen 3D-Druck möglich zu machen, demonstrierten Prof. Dr. Katja Nelson und Dr. Tabea Flügge, beide Freiburg, in ihrem Vortrag über „Digitale Bilder – Grundlage für den digitalen Workflow“. Der Grauwert müsse manuell justiert werden – und das könne einen Informationsverlust nach sich ziehen, erklärten sie.

PD Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, Mainz, sprach über allogenen Knochenersatz in der Kieferregeneration. In jedem Fall sei der allogene Knochen eine Alternative zum KEM, in gewissen Fällen inzwischen auch für Eigenknochen. Wichtig sei es, nur gereinigtes Material zu verwenden und umfassend über das minimale Infektionsrisiko aufzuklären. Kämmerer präferiert eine Kombination aus partikulärem (schnellere Inkorporation, schneller Volumenverlust) und kortikalem Allograft (langsame Inkorporation, kein Volumenverlust) mittels Schalentechnik. Als Vorteile der Allografts nannte er die einfache Handhabung, die gute Verfügbarkeit, die standardisierte Handhabung und die geringe Morbidität.

Ein Duell zum Abschluss

Mit einem emotionalen Argumenten-Duell über Keramikimplantate ging der 10. ITI-Kongress Deutschland in Bonn zu Ende. Dr. Michael Gahlert, München, trat dabei als Befürworter von Keramikimplantaten „gegen“ Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz, Wiesbaden, an, der vor allem die fehlende Evidenz dieses Werkstoffs als Implantatmaterial unterstrich. Gahlert berichtete von enorm positiven Gewebeanlagerungen, weniger ausgeprägter Periimplantitis und weniger Plaque als bei Titan, besseren periimplantären Durchblutungsverhältnissen, günstigeren Verhältnissen bei epithelialem Attachment und einer Osseointegration auf Niveau von Titanimplantaten. Grötz befürchtet, dass zu viel über Überzeugung und Ideologie gesprochen werde anstatt über Fakten. Metallfreiheit sei mit dem Leben nicht vereinbar: „Wer das propagiert, schürt unberechtigte Ängste.“ Zur besseren Umgebungsdurchblutung merkte Grötz an, diese könne auch eine Reaktion des Körpers auf eine Entzündungswahrnehmung durch das Implantat sein.