Patientenfall

Ästhetik nur im Team möglich

Komplexe Behandlungsfälle sicher und voraussagbar lösen, erfordert Teamgeist. Denn eine rekonstruktive Versorgung dieser Patienten verlangt Know-how in fast allen Disziplinen der modernen Zahnheilkunde. Die ästhetische Parodontalchirugie ist dabei ein Muss.



Hinter jedem komplexen Behandlungsfall steht ein Individuum, dessen Wünsche vor der Behandlung exakt erforscht werden müssen. Der technologische Fortschritt in der Zahnheilkunde hat nicht nur zu höherer Präzision und mehr Effizienz geführt. Nein. Dadurch ist die Zahnmedizin endlich auch menschlicher, künstlerischer und emotionaler geworden. Unseren Patienten eines der wichtigsten Dinge in ihrem Leben schenken zu können macht unseren Beruf unheimlich wertvoll. Lachen macht glücklich und ein natürliches, harmonisches und gesundes Lächeln selbstbewusst.

Um dies erreichen zu können, ist die Kommunikation im Team vor der Behandlung der Schlüsselfaktor für den Erfolg. Das Ziel setzt sich aus den Wünschen und Erwartungen des Patienten, aber auch des restaurativen Teams zusammen. Eine genaue Analyse kann durch Fotos, Röntgenunterlagen, Abformungen, Videos, Messungen und vieles mehr erfolgen. Das ideale ästhetische und funktionelle Ergebnis kann aber nur durch gute Teamarbeit und interdisziplinäre Kommunikation gefunden werden.

Der konkrete Fall

In unserem dargestellten Patientenfall lernten wir eine sehr nette Frau im Alter von 52 Jahren kennen. Sie war sich im Klaren, dass bei ihrem intraoralen Zustand seit einiger Zeit Behandlungsbedarf bestand. Es wurde zu Beginn der Behandlung eine Funktionsanalyse durchgeführt. Die klinische Situation (Abb. 1) zeigt zahlreiche insuffiziente Kronenränder, Füllungsränder, kariöse Läsionen und eine schlecht sitzende Teilprothese im Unterkiefer. Die Röntgendiagnostik (Abb. 2) verdeutlicht die Notwendigkeit der Versorgung der Patientin. Im zweiten Quadranten ist der Zahn 26 nicht mehr zu erhalten und im dritten Quadranten der Wurzelrest. Es wurden Modelle angefertigt und mithilfe des Planefinders von Udo Plaster im Artikulator montiert. Nach zentrischer Bissnahme und Foto- bzw. Videoanalyse konnte vom Techniker ein Wax-up erstellt werden. Dieses Wax-up enthält bereits alle Informationen, die für das restaurative Behandlungsteam relevant sind.

Das Ziel ist somit festgelegt. Ästhetik und Funktion müssen nun mit einem detaillierten Behandlungsplan erreicht werden. Wichtig war der Patientin, möglichst wenig Behandlungsschritte zu haben und bei den chirurgischen Eingriffen schlafen zu können. Daher haben wir uns für eine Behandlung in Narkose entschieden. Aufgrund des parodontalen Status der Patientin (Abb. 3 und 4) wurde eine parodontale und konservierende Vorbehandlung durchgeführt. Eine Reduktion der Sondierungstiefen und Entzündungszeichen konnte mit einer rein konventionellen Therapie erfolgen. Die Zähne 43 und 44 wurden endodontisch behandelt und mit Glasfaserstiften wieder aufgebaut. Nach Abschluss der Vorbehandlung erfolgte eine längere Sitzung in Intubationsnarkose. Die alten Kronen und Brücken wurden entfernt, kariöse Läsionen beseitigt und Aufbaufüllungen erneuert (Abb. 5).

Heilungsphase von sechs Monaten

Daraufhin wurden die Zähne für die die Langzeitprovisorien präpariert und abgeformt. Der chirurgische Part der Behandlung startete mit der Extraktion des Zahns 26 und des Wurzelrests 38. Daraufhin wurde im zweiten Quadranten ein externer Sinuslift durchgeführt. Die Implantate in regio 25 und 27 konnten in der gleichen Sitzung inseriert werden. Aufgrund der fehlenden endständigen Pfeiler wurde ebenfalls im dritten und vierten Quadranten jeweils ein Implantat eingebracht. Um einen Knochenaufbau und die damit bekannten Risiken im Unterkiefer zu vermeiden, wurde nur ein Implantat im vierten Quadranten verwendet. Nach der augmentativen und implantologischen Behandlung erfolgte eine parodontal ästhetische Korrektur.

Wie ebenfalls schon im ersten klinischen Bild ersichtlich war und sich in der Planung bestätigte, musste die Rezession am Zahn 13 gedeckt werden. Dafür wurde ein Bindegewebstransplantat vom Gaumen entnommen und mit der Tunneltechnik eingebracht (Abb. 6). Das Röntgenkontrollbild nach der Behandlung zeigt die offene Einheilung der Implantate im Unterkiefer (Abb. 7). Die Patientin wurde für die Heilungsphase mit einem Langzeitprovisorium versorgt (Abb. 8). Dies war natürlich in beiden Kiefern festsitzend provisorisch eingesetzt worden. Somit konnte sich die Patientin ihres herausnehmbaren Zahnersatzes im Unterkiefer entledigen.

Nach einer Heilungsphase von sechs Monaten wurden die Implantate im zweiten Quadranten freigelegt. Feinpräparation und Abformung mit der Doppelfadentechnik boten dem Techniker die Grundlage für die Herstellung der Gerüste. Als Material wurde Zirkonkeramik gewählt (Abb. 9). Die Kieferrelation wurde ebenfalls überprüft, und daraufhin konnte die Arbeit fertiggestellt werden. Vor dem definitiven Einsetzen erfolgte eine individuelle Anpassung von Form, Farbe und Oberfläche der Kronen und Brücken durch den Techniker direkt mit der Patientin. Die finale Arbeit direkt nach der Zementierung zeigt ein sehr schönes und harmonisches Ergebnis (Abb. 10 und 11). Die Grundlage für ein natürliches, harmonisches und gesundes Lächeln bieten nun der komplett restaurativ versorgte Ober- und Unterkiefer der Patientin (Abb. 12 und 13). Die Rekonstruktion des Lächelns zeigt nun eine sehr glückliche Patientin (Abb. 14 und 15).

Fazit

Komplexe Behandlungsfälle sicher und voraussagbar zu lösen ist nur durch eine sehr gute Kommunikation im Team möglich. Die rekonstruktive Versorgung dieser Patienten erfordert Kenntnisse in fast allen Disziplinen der modernen Zahnheilkunde. Die ästhetische Parodontalchirugie ist dabei unabdingbar. Ästhetik und Funktion sind eine Frage der Kommunikation.

Dank an ZTM Andreas Schenk für die herausragende zahntechnische Arbeit.

Dr. Paul Leonhard Schuh
studierte Zahnmedizin in Witten/Herdecke und ist zurzeit in der Weiterbildung in der Bolz-Wachtel Dental Clinic in München tätig.
p.schuh@bolz-wachtel.de