Malteser Migranten Medizin

Zahnärztliche Hilfe für Menschen ohne Krankenversicherung

Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Dennoch leben hier Menschen, die keine Krankenversicherung haben. Um diese Menschen kümmert sich die Malteser Migranten Medizin. In Berlin gestartet, hat das Projekt mittlerweile 17 Standorte – darunter auch Köln mit einer zahnärztlichen Sprechstunde



Eine ausreichende gesundheitliche Versorgung ist für die meisten Deutschen ein Thema, das bewegt. Aber dank der gesetzlich geregelten Krankenversicherung ist es für viele auch eine Selbstverständlichkeit. Doch nicht jeder Mensch, der in Deutschland lebt oder hier hinkommt, kann sich eine Krankenversicherung leisten oder wird trotz der guten Versorgung vom System erfasst. Um diese Gruppe von Menschen kümmern sich Hilfsorganisationen wie die Maltesergruppe.

Menschen, die „durch das Raster fallen“

Seit 2005 widmet sich die Malteser Migranten Medizin Köln im Haus Rita am Krankenhaus St. Hildegardis um diese Menschen. Neben einer Erwachsenen- und einer Kindersprechstunde findet seit 2012 auch eine zahnärztliche Sprechstunde statt. Da viele Patienten weder eine Praxis noch ein Krankenhaus aufsuchen möchten, helfen die Malteser unter Wahrung der Anonymität. Auch über das Medizinische hinaus wird zusätzliche Hilfe angeboten durch Vernetzungen und Kooperationen mit Kirchen, Verbänden und Vereinen.

Unter den insgesamt 35 Mitarbeitern im Haus Rita arbeiten elf Zahnärzte, darunter der ehemalige Leiter Dr. Markus Beckers, und drei Mitarbeiterinnen (ZFA und MFA). In zwei Behandlungsräumen werden die Patienten montags, mittwochs und freitags in den Sprechstunden behandelt. „Dabei zählen Flüchtlinge nicht zu unserer eigentlichen Zielgruppe“, betont Beckers. Diese sind, sobald sie in Deutschland als Flüchtling gemeldet sind, versichert und werden daher in ganz „normalen“ Praxen von niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten behandelt.

Zu den Patienten zählen die Menschen, die durch das Raster fallen, die illegal hier leben und nicht gemeldet sind – weder als Flüchtling noch als Bürger. Sechs Prozent der Patienten sind Deutsche – Obdachlose oder Patienten, die sich keine Krankenversicherung leisten können. Dabei sieht Dr. Beckers die Arbeit in der Praxis der Malteser Migranten Medizin nicht als Kritik am Gesundheitssystem, sondern als Lösung sowohl für die niedergelassenen Zahnärzte als auch für die Patienten. Ein niedergelassener Zahnarzt kann es sich häufig nicht leisten, Menschen umsonst zu behandeln. Mit der zahnärztlichen Sprechstunde haben die Patienten ohne Versicherung eine Anlaufstelle, um ihre Zähne behandeln zu lassen.

Große Nachfrage

Die Zahl der Patienten spricht für die Notwendigkeit der zahnärztlichen Sprechstunde. 2014 erreichten sie einen Höhepunkt mit 4041 Behandlungen im Jahr. Seitdem sind die Zahlen zwar wieder rückläufig, es fanden 2016 nur noch fast 2800 Behandlungen statt, aber die zahnärztliche Sprechstunde bleibt dennoch notwendig. Denn unter den angebotenen Sprechstunden hat die Zahnmedizin trotz der rückläufigen Zahlen den höchsten Zulauf.

Dabei sind die Zahnmediziner in ihrer Arbeit vor allem auf Spenden angewiesen, insbesondere auf Sachspenden, um die Patienten angemessen behandeln zu können. Denn trotz der Größe der Organisation der Malteser zählt jeder Cent. „In der Kinder- und inneren Medizin haben wir teilweise Patienten, die eine lebenserhaltende Operation für 10 000 bis 15 000 Euro benötigen.

Da geht es um Leben und Tod. Wenn wir von diesen Spendengeldern neue Instrumente oder Zahnersatz kaufen würden, könnte das unter Umständen ein Menschenleben kosten“, erläutert Beckers. Die Devise lautet daher, so wenig Geld wie möglich in der Zahnmedizin auszugeben und die Behandlungen über Sachspenden zu ermöglichen.

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Kostenfaktor Prothesen

Dazu zählen Spenden wie Instrumente und Füllungen, aber auch größere Spenden wie Behandlungsstühle oder Röntgengeräte. Denn auch wenn die Geräte noch einwandfrei funktionieren und TÜV haben, sind sie dennoch sehr veraltet und es ist ungewiss, wie lange sie noch funktionieren werden. Denn die meisten Geräte stammen aus den alten Praxen der ehrenamtlich arbeitenden Zahnärzte.

Den größten Kostenfaktor stellen jedoch die Zahnprothesen dar. Bisher erhielt die Malteser Migranten Medizin für die Versorgung ihrer Patienten etwa 100 Prothesen von einem Spender aus China. Aufgrund von innerbetrieblichen Sparmaßnahmen beendete dieser jedoch seine Koopera‧tion mit der Ambulanz. Um die Arbeit weiter fortführen zu können, ist die Malteser Migranten Medizin nun auf der Suche nach einem neuen Spender.

„Diese Prothesen sitzen natürlich nicht so, wie eine in Deutschland hergestellte Plastikprothese, aber sie geben den Leuten wieder ein Gesicht“, betont der ehemalige Leiter Beckers die wichtige Funktion der gespendeten Prothesen. Denn obwohl die Spender eine Spendenquittung erhalten, scheuen dennoch viele Hersteller auch aus Deutschland vor einem solchen Engagement zurück. Auf Anfrage schicken vor allem kleine oder mittelständische Firmen kleine Pakete mit Spenden zu. Ohne diese Spenden könnte die Arbeit in der Kölner Praxis nicht so weitergeführt werden, wie es bisher der Fall war.

Viele im Ruhestand

Trotz der schwierigen Spendenlage und manch problematischer Fälle sind die zahnmedizinischen Mitarbeiter der Malteser Migranten Medizin stets motiviert, den Menschen zu helfen. „Wir behandeln hier keine Befindlichkeiten, sondern wichtige, gesundheitlich gefährliche Fälle“, so Beckers. Dr. Eleonore Höhler-Rokohl ist die dienstälteste Zahnärztin in der Praxis und von Beginn an dabei. „Die Arbeit hier in der Praxis stellt das berufliche Ethos, Menschen zu helfen und Schmerzen zu lindern, vorne an. Das geht einem als niedergelassener Arzt in seiner eigenen Praxis manchmal verloren.“ Der Ruhestand war für Höhler-Rokohl keine Option und so kann sie mit ihrem Wissen und der Erfahrung als langjährige Zahnärztin weiter Menschen helfen. Die meisten der Zahnärzte sind bereits im Ruhestand und arbeiten dort ehrenamtlich, um weiterhin eine Aufgabe zu haben und ihre langjährige Erfahrung aus der Praxis weiter anzuwenden.

Jeder hilft da, wo er kann

Lediglich drei der elf Zahnärzte sind noch nicht im Ruhestand, sondern arbeiten nebenbei weiter, wie Beckers, der noch seine eigene Zahnarztpraxis in Köln leitet. Neben ihm ist auch Dr. Raef Kozman eine der Ausnahmen in der Praxis. Seit Oktober 2015 arbeitet er ehrenamtlich in der Praxis, nachdem er aus Ägypten nach Deutschland kam. In Ägypten studierte er Zahnmedizin und arbeitete dort bereits zwei Jahre in einer Praxis. In Deutschland muss er nun seine Approbation nachholen und hilft währenddessen anderen Menschen, die ähnlich wie er nach Deutschland kamen.

„Neben der normalen Arbeit als Zahnarzt helfe ich vor allem in der Übersetzung, sowohl vom Arabischen als auch vom Englischen ins Deutsche. Auch nach meiner Approbation in Deutschland möchte ich weiter in der Malteser Migranten Medizin helfen.“ Für ihn ist die Praxis ein sehr guter Ort, die deutsche Sprache und die Fachbegriffe der Zahnmedizin zu erlernen, aber vor allem profitiert er von der Erfahrung der anderen Zahnärzte. Denn Konkurrenzdenken gibt es in der Malteser Migranten Medizin nicht. Jeder hilft da, wo er kann. Die Mitarbeiter der Malteser Migranten Medizin treibt der gemeinsame Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Das schweißt das Team zusammen. „Wir sind eher wie eine Familie. Wir helfen uns untereinander, wo es geht“, erklärt Beckers.

Improvisation ist sehr wichtig

Auch MFA Isabel Kraus ist überzeugt von ihrer Arbeit im Haus Rita. Als MFA angefangen fehlte in der Praxis jedoch bald eine Zahnarzthelferin. Daher arbeitet sie seit anderthalb Jahren nun auch als Stuhlassistenz. „Ein Arzt braucht nun mal eine Hilfe am Stuhl. Und unsere Ärzte sind sehr nett – die verzeihen einem, wenn man mal etwas vergisst oder etwas Falsches bereitlegt. Zur Not erklären sie auch alles ein zehntes Mal.“ In einer normalen Praxis wäre es für sie nicht möglich gewesen, ohne zertifizierte Fortbildung auch am Stuhl zu arbeiten. Doch in der Malteser Migranten Medizin Köln ist Improvisation sehr wichtig.

So arbeiten häufig zwei Zahnärzte zusammen am Stuhl, da nicht genügend ZFAs in der Praxis arbeiten. Auch wenn ihnen ein Aushilfslohn gezahlt werden kann: Die meisten ZFAs können es sich nicht leisten, ihre Arbeitskraft unentgeltlich oder nur für einen Aushilfslohn anzubieten. Neben den notwendigen Sachspenden ist dies eines der zentralen Probleme der Malteser Migranten Medizin. Das Team der Malteser Migranten Medizin lässt sich davon jedoch nicht abhalten, den Menschen jederzeit zu helfen und die Arbeit in der zahnärztlichen Sprechstunde weiter fortzuführen.