Umsetzung und Abrechnung der digitalen Beratung

Was mit einer Videosprechstunde alles möglich ist

In Zeiten von Corona und Social Distancing wird die Kommunikation in fast allen Lebensbereichen plötzlich sehr viel digitaler. Könnten die digitalen Kanäle vielleicht auch helfen, den mittlerweile zumeist auf das Nötigste beschränkten Patientenkontakt wieder zu intensivieren? Wir sprachen mit der Praxisberaterin Diana Bernardi über die Möglichkeiten, technische Umsetzung und rechtliche Bestimmungen zur Videosprechstunde.


Videosprechstunde Zahnarzt

Eine Videosprechstunde spart Patient und Praxisteam Zeit und Aufwand. | © goodluz – Fotolia


Frau Bernardi, was könnte Zahnarztpraxen in der jetzigen Zeit von „Social Distancing“ eine Videosprechstunde bringen?

Diana Bernardi: Sehr interessant – Sie nutzen diesen etwas ungeschickt ins Leben gerufenen Begriff „Social Distancing“. Ich persönlich gehe zum Begriff „Body Distancing“ über. Denn das sollte es eher treffen. Und genau darum geht es. Körperliche Distanz zu wahren, um ohne große Schutzmaßnahmen einer Verbreitung/Ansteckung entgegen zu wirken. Ich frage mich nämlich schon die ganze Zeit über: Wollen wir wirklich die Sozialkontakte einschränken? Damit einher ginge ja auch automatisch die Einschränkung von Menschlichkeit. Genau das wollen wir – sowohl in Corona-Zeiten als auch in Zeiten der so viel umworbenen Digitalisierung – doch vermeiden: Den Verlust der Menschlichkeit.

Wir wollen nicht, dass „Maschinen“ die Welt regieren und uns die Arbeit wegnehmen. Provokant, diese Aussage. Ich weiß. Und doch ist es letztendlich genau das, was immer noch viele davon abhält, sich mit digitalisierten Arbeitsabläufen zu befassen. Und weil wir gerade beim Thema sind – stelle ich dem geneigten Leser genau an dieser Stelle folgende Frage: Worüber wird mehr transportiert? Über das Verbale oder über das Verbal-Visuelle?

Das Kommunikationsmodell des alten von Thun kennt jeder. Und was sonst so mitspielt beim Transport und Empfang von Messages: Intonation, Mimik, Gestik, Körperhaltung. Sie wissen doch alle selbst, was der Patient von heute immer mehr von Ihnen, von Ihrer Praxis möchte? Genau. Zeit. Zuwendung. Persönlichkeit. Und DAS ist es, was eine Videosprechstunde besser liefert, als ein simples Telefonat. Oder eine Mail.

Ich sehe schon, wie alle mit den Händen wedeln und laut kontern: „Wie soll man denn in einer Videosprechstunde befunden, diagnostizieren!“ Ich verlange ja nicht, dass Patienten sich ihr SmartPhone in den Mund stecken sollen, damit Sie als Zahnarzt oder Zahnärztin weniger Arbeit in der Praxis haben. Andererseits, wenn ich es mir so überlege … auch in Richtung Voreinschätzung zu Akutterminen durchaus eine überlegenswerte Geschichte.

Für welche Patienten bzw. Behandlungsbereiche ist eine Videosprechstunde denn dann geeignet?

Bernardi: Das ist eine der vielen Fragen, die ich meinen Kunden innerhalb einer Zusammenarbeit auch gerne stelle. Ich kitzle gerne die Fantasie und Kreativität der Menschen heraus. Ein aktives Auseinandersetzen mit den unterschiedlichsten Themenbereichen. So auch mit meinem Lieblingsthema „Digitale Transformation“. Die findet nämlich nicht am Computer statt, sondern im Kopf. Da gehört viel mehr dazu, als sich ein Gadget nach dem anderen anzuschaffen.

Gut, für dieses Interview mache ich also eine Ausnahme – und gebe mehrere Möglichkeiten preis:

Was ist mit der Videosprechstunde möglich

Akutsprechstunde per Video

Geschickt in den Wochenplan eingearbeitet, könnte in der Tat der Erstkontakt zuerst einmal virtuell über einen Mitarbeiter erfolgen. Nach einem – meist ja eh schon vorhandenen – Fragenkatalalog kann face to face besser eingeschätzt werden, ob der Patient gleich oder erst in ein paar Tagen kommen muss. Wie gesagt – mit mehr als der Stimme lassen sich eben mehr Informationen herauslesen.

Video-Beratung und HKP-Besprechung

Die Erstberatung erfolgt ja üblicherweise am Stuhl. Nach der Befundung und/oder der Diagnose. Dann aber gibt es die Folgeberatungen, die sich aus der ersten ergeben. Warum müssen dazu die Patienten noch einmal in die Praxis kommen? Oder für die HKP-Besprechungen. Das kann der/die ZMV auch über die Video-Sprechstunde erledigen. Da gibt es viele Möglichkeiten. Auch ist der Dateiaustausch während dieser Art der Kommunikation möglich.

Weiter gedacht: Wozu muss dann die ZMV – oder vielleicht auch Sie selbstin der Praxis hocken? Das geht auch prima vom Home-Office heraus. Oder Sie haben eine externe Abrechnungskraft, die gleichzeitig auch super die HKPs erstellt und einen Bomben-Beraterin und Verkaufskraft ist? Na toll, nichts wie hin und diese virtuell aufgestellt und in Ihr System integriert.

Ich bin mir sicher, mit der Zeit fallen uns bestimmt noch mehr Ideen ein. Geistige Gymnastik ist essentiell in der heutigen Zeit. Das sieht man gerade jetzt. Und ich bin froh, erkennen zu dürfen, dass es sie doch noch gibt: Kreativität und Fantasie. Und EINFACH.MACHEN. Denn das macht einen Unternehmer/eine Unternehmerin aus.

Welche Vorteile hat so ein Angebot für die Patienten?

Bernardi: Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Der Patient muss nicht andauernd zu Folgeberatungen in die Praxis fahren. Gerade für die sehr im Arbeitsleben verfestigten oder auch ältere, weniger mobile Menschen ist solch ein Angebot eine Wohltat. Aber auch die Jungen unter uns stehen solchen Angeboten immer offener gegenüber. Für die meisten Menschen ist die Zeit mittlerweile zum wertvollsten Gut geworden. Will der Patient diese unnötig verbraten mit Anfahrten, Warten etc.?

Psychologisch gesehen hat so eine Videosprechstunde auch einen wahnsinnig positiven Effekt: Der Patient sitzt in seiner gewohnten Umgebung. Ergo: Er ist viel weniger gestresst. Er muss sich nicht noch einmal in der Arbeit frei nehmen, schauen wo die Kinder unterkommen, sich durch die verstopften Straßen quälen. Oder in der derzeitigen Corona-Krise: Keiner verstößt gegen #stayAtHome. Beginnen Sie jetzt mit dem Angebot Ihrer Videosprechstunde, und bereiten Sie bei heruntergefahrener Praxistätigkeit die Arbeiten für danach vor.

Welche Möglichkeiten bietet dieser Service langfristig für den Praxisbetrieb?

Bernardi: Sie werden mit dem Angebot – ebenso wie mit digitalisierter Zahnmedizin – die Basis für digitalisierte Praxiszukunft legen. Junge – und jung gebliebene – stehen immer mehr auf solche Möglichkeiten. Es beweist Modernität. Ein Mitgehen mit der Zeit. Sie holen damit ein Patientensegment ab, das für Ihre Praxiszukunft immer wichtiger wird, sollten Sie noch ein paar Jährchen länger machen wollen. Solche Einführungen stellen sämtliche Arbeitsprozesse in Frage. Was gut ist. Dann kommen alte, eingestaubte Abläufe auch mal wieder auf den Prüfstand – und es halten neue, einfachere Arbeitsabläufe Einzug. Es wird noch zu viel aus der analogen Welt auf das Digitale gepackt. Das funktioniert nicht. Wir haben zu viele Schnittstellenproblematiken – geht man ohne Strategie vor. Und damit sind nicht immer die technischen Schnittstellen gemeint. Sie bauen sukkzessive Digitalkompetenz auf – denn ohne geht es eben nicht. Ohne Ausbau der Digitalkompetenz wird Digitalisierung zur Mehrarbeit. Wird unübersichtlich.

Langfristige Möglichkeiten der Videosprechstunde

Virtuelle Triage

Insbesondere in größeren Praxen oder Z-MVZ bietet sich eine Triage via Videosprechstunde an, um eine Priorisierung vorzunehmen und Patienten direkt an den richtigen Ansprechpartner zu vermitteln.

Auswertung von Befunden

Bieten Sie Ihren Patienten die Befundbesprechung bequem online an. So findet sich oft schneller ein Termin, da die Patienten nicht extra in die Praxis kommen müssen. Dank Screensharing können Sie Röntgenbilder etc. anschaulich erklären.

OP-Aufklärung und Beratung

Auch für Beratungsgespräche bietet sich die Videosprechstunde an – völlig unabhängig davon, ob es um das Einholen einer zweiten Meinung oder die Aufklärung vor einer Operation geht. Über die zentrale digitale Patientenakte können zudem alle relevanten Dokumente und Informationen direkt zur Verfügung gestellt werden.

Arzt-zu-Arzt-Konsultation

Nicht nur in der Arzt-Patienten-Beziehung erleichtert die Videosprechstunde den Alltag. Auch der Austausch untereinander lässt sich schnell und ortsunabhängig organisieren. So können Sie sich immer und überall mit Ihren Kollegen beraten.

Wie setzt der Zahnarzt das technisch in Bezug auf Software und Hardware um? Gibt es Vorgaben von den Kammern oder bestimmte Zertifizierungen?

Bernardi: Wir haben uns im Gesundheitswesen an den Datenschutz zu halten. Und das nicht nur seit DSGVO. Insofern sollte auf Anbieter zurückgegriffen werden, die eine größtmögliche Sicherheit bieten. Technisch gesehen benötigen Sie nur ein Device (Rechner/Tablet/Handy) mit Internetzugang. Und eine externe WebCam, sollten Sie mit einem Rechner arbeiten, der nicht den Apfel trägt.

Es gibt schon Systeme und Tools auf dem Markt, die dafür zugelassen sind. Im Arztbereich müssen die Systeme eine Zulassung haben. Von KZBV-Seite gibt es zu dieser Möglichkeit der Sprechstundenführung noch keine Angaben, insofern auch keine Zulassungen.

Ich empfehle in der Tat eine Verbindung mit dem Terminsystem. Insofern passen die Videosprechstunde der CGM, aber auch samedi® wunderbar in eine Zahnarztpraxis. Bei anderen Anbietern haben wir wieder eine Schnittstellenherausforderung. Und meine Devise lautet: KEEP.IT.SIMPLE. Alles andere macht nur mehr Arbeit – und ist somit kontraproduktiv.

Worauf ich aber auch schaue, wenn ich mit Kunden auf die Suche nach den am besten zum Konzept und den Arbeitsabläufen passenden Produkten gehe:

  • Wo stehen die Server? Nicht alles, was in der EU steht, ist wirklich geschützt vor staatlichen Eingriffen
  • Liegen die Daten kryptisch verschlüsselt auf den Servern?
  • Wird vom System die Sitzung im Hintergrund mitgeschnitten?
  • Welche Investoren stecken dahinter?
  • Wie ist die Sicherheitshierarchie in der Programmierung aufgebaut?

Darauf können auch Sie achten.

Wie läuft eine Videosprechstunde üblicherweise ab?

Bernardi: Ich möchte ja meine Videosprechstunden in meinem Terminmanagement eingebunden haben. Insofern sollte im Best Case der Patient durchaus auch online seinen Termin zur Videosprechstunde selbst wählen können. Das funktioniert mit einem ausgefeilten Ressourcenmanagement mit inkludierter Online-Terminierung – natürlich mit Sofortsynchronisation – wunderbar.

Ein paar Minuten vor dem Termin sollte dann die Einwahl der Patienten möglich sein. Also wird automatisiert die Einladung zur Videosprechstunde an den Patienten verschickt. Die Anmeldung ist in wenigen Schritten getan – und einfacher, als manch Online-Einkauf. Die Praxis startet dann aktiv die Videosprechstunde – und wird sichtbar. Das sieht dann so aus wie in einem FaceTime.

Was sagt das E-Health-Gesetz zum Thema Videosprechstunde?

Bernardi: Die Videosprechstunde gehört zum Bereich der Telemedizin, die im E-Health-Gesetz verankert ist. Im Arztbereich wurde dazu eine extra EBM-Ziffer kreiert. Für Bestandspatienten sollen schon seit 2017 Videosprechstunden zur Verfügung gestellt werden. Der damals propagierte Einführungstermin hatte sich wegen technischer Anpassungen auch verschoben bis ins Jahr 2018 hinein.

Können Sie Tipps zur Abrechnung geben? Wie wird die Videosprechstunde vergütet?

Bernardi: Für den zahnärztlichen Bereich gibt es meines Wissens keine BEMA-Ziffer dafür. Ansonsten ist die „digital geführte Beratung“ über GOÄ/GOÄ abrechenbar – mit den Ziffern 1, 4 und 4. Laut dem Beschluss Beschluss des 118. Deutschen Ärztetages soll die Telemedizin in der reformierten GOÄ verankert werden.


Die Expertin

Diana Bernardi praximum

© praximum

Diana Bernardi

Expertin auf dem Gebiet der digitalisierte Arbeitsabläufe im Rahmen der Digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Geschäftsführende Gesellschafterin, akkreditiert bei BAFA, IFB, Gründerland Bayern

Verbunden mit dem Gesundheitswesen seit über 30 Jahren. Ja, mitunter immer noch idealistisch, was die Verbesserung unseres Gesundheitswesens für alle Parteien angeht. Kämpferin im Kleinen für ein Gleichgewicht zwischen Praxisunternehmertum und Patientenversorgung. Mit der Vision, dass Innovation und Modernität hier auch echte Verbesserung mit sich bring. Für die Praxen und die Patienten.

praximum® UGhb

Gründerberatung • Praxisberatung • Schulungen für Ärzte und Zahnärzte

Kontakt:

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