Zahnmedizin an der University of Michigan

Zu Besuch bei ITI-Stipendiat Dr. Frederic Kauffmann

Das ITI vergibt jährlich Stipendien für viele verschiedene Universitäten weltweit. Aufgrund der starken Forschungsaktivität der Universität von Michigan hat sich Dr. Frederic Kauffmann, Würzburg, für dieses Zentrum beworben und ist so begeistert, dass er auch nach der ITI Scholarship noch bleibt.


Dr. Frederic Kauffmann mit seinen Kollegen (v. l.): Dr. C. Sommer, Dr. L. Tavelli und Dr. S. Barootchi (© Kauffmann)


An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Kauffmann: Die räumliche Trennung von Labor und Zahnklinik – das Labor liegt zirka sechs Kilometer von der Zahnklinik entfernt in einem ehemals von Pfizer genutzten riesigen Komplex – eröffnet Möglichkeiten, neben den Projekten in der Zahnklinik auch mit Gruppen zusammenzuarbeiten, die nicht primär etwas mit Zahnmedizin zu tun haben. So habe ich das Glück, mich mit Diabetes und Neuropathien auseinanderzusetzen, um zum Beispiel in der Zukunft einen Früherkennungstest zu etablieren. Zusätzlich bin ich noch in weitere Projekten eingebunden: eines, das sich auf parodontale Knochenregeneration fokussiert, ein weiteres zu Knochenregeneration in periimplantären Defekten und eine klinische Studie zum Thema Rezessionsdeckung um Implantate. Neben diesen Studienprojekten habe ich aber auch die Möglichkeit, meine eigenen Patienten zu behandeln und in der studentischen Ausbildung mitzuwirken.

Was läuft an US-Unis anders als in Deutschland? Wird zum Beispiel „Forschung“ höher bewertet?
Kauffmann:
Forschung wird nicht höher bewertet und unterliegt ähnlichen Regeln. Auch in Michigan gibt es eine mit unserer Ethikkommission vergleichbare Einrichtung.

Gibt es mehr Geld für Forschung?
Kauffmann:
Das nicht, aber die Finanzierung läuft anders als in Deutschland. Zum einen „muss“ die Industrie, sofern sie eine Studie unterstützt, sehr hohe Beträge zahlen. Dies schafft Freiheiten. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Projekte, die nicht so viele finanzielle Freiräume haben. Insgesamt ist die finanzielle Situation sehr komfortabel.

Niedergelassene US-Zahnärzte haben ein ganz anderes Selbstverständnis, wie man bei Praxisbesuchen in den USA sieht, zum Beispiel in Las Vegas und Chicago. Man spricht deutlich offener über „Zahnmedizin als Geschäft“. Wie ist das an der Uni?
Kauffmann:
Dass Zahnmedizin als Geschäft verstanden wird, ist im Grunde ein Muss. Der Durchschnittspostgraduiertenstudent muss rund $ 500.000 an Studiengebühren zurückzahlen – und in diesen Betrag ist eine Praxisübernahme noch nicht inkludiert. Ohne den Fokus auf Zahnmedizin als Geschäft funktioniert es nicht. Bei all dem finanziellen Druck ist es schön zu sehen, dass der Patient nicht zu kurz kommt. Die Behandlung ist auf einem sehr hohen Niveau.

Stichwort Periimplantitis/Weichgewebsmanagement um Implantate: Wie denken US-Kollegen? Gibt es neue Erkenntnisse?
Kauffmann:
Die Meinung sowohl bezüglich Implantatoberflächen und Implantatdesign als auch, ob chirurgisch oder nichtchirurgisch um Implantate vorgegangen werden sollte, unterscheidet sich nicht von der Lehrmeinung aus Würzburg. In Sachen Zahnerhaltung sieht es allerdings anders aus. Da geht man deutlich weniger zurückhaltend vor als in Deutschland.


Sprich, Zähne werden eher extrahiert?
Kauffmann:
Ja, die Zahnerhaltung rückt in den Hintergrund. Das stellt den Hauptunterschied zu meiner Ausbildung in Würzburg dar – dort sind wir bei Extraktionen ausgesprochen zurückhaltend. Jedoch muss man fairerweise sagen, dass es auch in Deutschland große Unterschiede in den verschiedenen Zentren gibt. Was nicht vergessen werden darf: Das US-Rechtssystem hat großen Einfluss auf ein Behandlungskonzept. Hat ein Patient Schmerzen, kann das für den Zahnarzt durchaus problematisch werden. Da ist es für ihn manchmal besser, einen Zahn zu entfernen, als zu versuchen, ihn mit unsicherer Prognose zu erhalten.

Kommen wir zur neuen PAR-Klassifikation: Ist das ein Thema an der Uni?
Kauffmann:
Die neue PAR-Klassifikation ist ja quasi „um die Ecke“ in Chicago auf den Weg gebracht worden. Viele Professoren der University of Michigan waren damals mit dabei. Es vergeht kein Seminar, in dem die neue Klassifikation nicht diskutiert wird. Die Diskussionen sind spannend. Die eine oder andere Neuerung wird durchaus kritisch betrachtet – und das, obwohl einer der Autoren im Raum sitzt. Sich so kritisch mit Publikationen auseinanderzusetzen, halte ich für sehr hilfreich. Die Studierenden versuchen, die PAR-Klassifikation so besser zu verstehen. Zudem zeigen die Diskussionen, an welchen Stellen die neue Klassifikation etwas über das Ziel hinausgeschossen ist.

Was ist bei der Rückkehr an den alten Arbeitsplatz, gibt es da Hürden? Sucht man sich besser ein neues Umfeld?
Kauffmann:
Das ist nicht so leicht zu beantworten. Zum einen fühle ich mich zur Uni Würzburg und der Stadt selbst stark hingezogen. Schließlich habe ich dort studiert, gearbeitet und viel gelernt, großartige Kollegen, und in der Stadt herrscht eine hohe Lebensqualität. Auf der anderen Seite ist es von Vorteil, die Komfortzone zu verlassen. Dieses Thema wird aber auch erst 2020 aktuell, da ich nach der ITI Scholarship noch etwas länger in den USA bleiben werde. Für die Zeit danach habe ich noch keinen genauen Plan. Ich genieße die Zeit hier und konzentriere mich auf die Möglichkeiten an der University of Michigan. Zurück komme ich in jedem Fall.

Wie haben Sie die Verlängerung auf den Weg gebracht?
Kauffmann:
Das war viel einfacher, als ich gedacht habe: Ich habe einfach gefragt, ob es möglich ist, nach der Scholarship länger zu bleiben. Da es mir in Ann Arbor wirklich sehr gut gefällt und ich sehr glücklich bin, dass es mit der Scholarship geklappt hat, möchte ich einfach so viel mitnehmen wie möglich. Das habe ich so kommuniziert und ruck, zuck das Okay erhalten. Da das Visum gleich für mehrere Jahre ausgestellt war und eine Verlängerung speziell bei Studenten häufiger vorkommt, war der bürokratische Aufwand zum Glück nur minimal.