Angst vor dem Zahnarzt? Das rät ein Experte für Dentalphobiker

„Ich behandele Angstpatienten nie am selben Tag“

Dr. Christoph Boeger behandelt seit über 30 Jahren Angstpatienten. "Mir liegt daran, dass wir Zahnärzte verstärkt die Perspektive des Angstpatienten einnehmen", sagt er im Interview mit DENTAL MAGAZIN. Um diesen Patienten besser zu helfen, hat er gerade einen Online-Ratgeber veröffentlicht.



In Korschenbroich bei Mönchengladbach arbeitet Dr. Christoph Boeger. In seiner Zahnarztpraxis betreut er Patienten aus dem Einzugsbereich von Kaarst, Neuss, Mönchengladbach und Düsseldorf, aber manchmal, speziell bei Angstpatienten, kommen die Patienten auch aus ganz Deutschland zu ihm. Auf seiner Website www.zahnarztangstratgeber.de hat er einen Online-Ratgeber veröffentlicht, der Angstpatienten helfen soll.

Wie empfangen Sie einen Patienten, von dem Sie wissen, dass er Angst vor der Behandlung hat?                                                                                         

Die ganze Atmosphäre muss entspannt und ruhig sein, das heißt auch, dass es keine Nebengeräusche gibt, auch keine Arbeitsgeräusche aus den Behandlungsräumen. Wichtig ist zudem meine Körpersprache, also dass ich auf Augenhöhe mit dem Patienten bin, dass ich zum Beispiel die Arme nicht verschränke.

Oftmals ist die Scheu oder Scham bei erwachsenen Angstpatienten groß. Woran erkennen Sie einen Dentalphobiker und wie reagieren Sie dann?

Die Patienten „outen“ sich immer selbst und zwar bereits am Telefon bei der Erstanmeldung. Das steht dann direkt bei mir im Behandlungsplan. Beim Termin weiß ich genau, dass es sich um einen Angstpatienten oder eine Angstpatientin handelt und brauche nicht erst Detektiv spielen. Da ich seit über 30 Jahren Angstpatienten behandle, wissen die Patienten bereits von uns – sei es durch Empfehlung oder eigene Recherche.

Ganz allgemein, was sollten Zahnärzte beim Umgang mit Angstpatienten beachten – haben Sie ein paar Tipps?                                                                                           

Entspannung ist auf beiden Seiten wichtig. Ich muss mir Zeit nehmen, d. h. diese Zeit muss auch aktiv und bewusst organisiert werden. Wenn das Wartezimmer voll ist, nimmt man sich als Arzt am Ende doch keine Zeit. Das überträgt sich. Also muss das die Praxisorganisation gewährleisten, dass ich beim Gespräch mit dem Angstpatienten Zeit habe, dass das Wartezimmer nicht überfüllt ist und dass der Angstpatient keine Wartezeit hat. Zweitens: Es ist sehr wichtig, dass ich den Patienten, den Kunden, spreche lasse.

Was ist erfahrungsgemäß die größte Angst der Patienten?

Das ist breit gefächert. Die Angst der Patienten kann sich auf Spritzen beziehen, auf den weißen Kittel, den Geruch, die Zahnarztpraxis überhaupt und natürlich die Vorstellung, auf dem  Behandlungsstuhl zu sitzen und ausgeliefert zu sein. Dann gibt es natürlich die Angst vor Bohrergeräuschen, vor Schmerzen und die Angst, aber auch massive Scham, den Mund überhaupt aufzumachen – davor schämen sich besonders oft Frauen am allermeisten.

Und was hilft ihnen besonders?

Ruhiges Ambiente ist wie gesagt eine sehr wichtige Voraussetzung und das – natürlich auch eingehaltene! – Versprechen völlig schmerzfreier Behandlung. Größtenteils kommen Angstpatienten in Begleitung von Freunden oder Partnern. Auch das muss selbstverständlich sein. Grundsätzlich bin ich als Arzt in dieser Situation zunächst vor allem Moderator: Da ist zum einen der Patient und da ist zum anderen das Thema, das er hat. Ich muss hier zwischen beiden, dem Patienten und seinem Thema moderieren. Ich lasse ihn so lange wie möglich reden, erst dann erkläre ich in Ruhe das Problem und die mögliche Lösung. Wir gehen alles dann nochmals Punkt für Punkt durch und schreiben es auf. Dann lasse ich den Patienten nach Hause gehen, ich behandele nie am selben Tag.

Sie haben gerade einen Online-Ratgeber erstellt, der sich an Patienten richtet. Was ist Ihr Ziel dabei und das Besondere daran?

Ich kann über das Internet meine langjährigen positiven Erfahrungen in der Arbeit für Angstpatienten vielleicht noch mehr Not leidenden Patienten mitteilen und ihnen so Mut machen, in Behandlung zu gehen, denn ihre Zahl ist immer noch sehr groß. Mir liegt auch daran, dass wir Zahnärzte verstärkt die Perspektive des Angstpatienten einnehmen und ihm mit mehr Empathie begegnen. Im Studium habe ich mich für den Behandlungsschwerpunkt Zahnersatz entschieden: Ich stellte fest, dass ich auf diesem Gebiet die meiste Befriedigung empfinde, denn ich kann dort Menschen in kurzer Zeit hoch zufrieden stellen. Meine Arbeit für Angstpatienten ist sozusagen noch die Steigerung davon. Das ist für mich eine besondere Motivation.