Neue Paro-Klassifikation vorgestellt

Europerio: Das Baby ist endlich da

Es war keine einfache Geburt. Allen Referenten war heute anzusehen, wie froh man darüber war, bei der Europerio 9 in Amsterdam endlich die einen Tag zuvor veröffentliche Paro-Klassifikation im Detail vorstellen zu können.


Dr. Iain Chapple erläuterte den Konsens zur gingivalen Gesundheit in der neuen Paro-Klassifikation.


Der Weg dahin begann bereits im November 2017. In Chicago trafen sich Paro-Experten aus der ganzen Welt unter Leitung der European Ferderation of Periodontology (EFP) und der American Academy of Periodontology (AAP) beim World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions, um die Forschungsergebnisse und Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre in eine neue Klassifikation umzuwandeln.

Veröffentlichung kurz vor knapp

Nachdem ein Konsensus erzielt worden war, dauerte es noch einige Monate, bevor alle Details für eine Veröffentlichung abgestimmt werden konnten. Nicht jeder glaubte mehr daran, dass die Klassifikation noch vor dem Europerio-Kongress in Amsterdam veröffentlicht werden würde. Doch seit gestern sind die Ergebnisse des Workshops im Journal of Periodontology sowie Journal of Clinical Periodontology nachzulesen (https://onlinelibrary.wiley.com/toc/1600051x/2018/45/S20).

Bei der Europerio 9 füllte die Vorstellung der vier Arbeitsgruppen einen ganzen Vormittag. In der Session wurden die einzelnen Details präsentiert. Prof. Dr. Iain Chapple, England, zeigte, wie die Definition der parodontalen Gesundheit durch die Klassifikation entstand. Wichtig sei dabei der Unterschied zwischen einzelnen Stellen gingivaler Entzündung und einem Gingivitis-Fall beim Patienten.

Lebenslange Parodontitis-Patienten

Als objektive Bemessungsoption bezeichnete Chapple das Bluten auf Sondierung. Blutet es bei mehr als zehn Prozent der Messstellen, könne man von einer Gingivitis sprechen.

Ein Fokus der Session war die Neueinteilung der Parodontitis in Stages und Grades. Ein System, welches aus der Onkologie übernommen wurde, und Bezeichnungen wie chronische oder aggressive Parodontitis ablöst. Dr. Panos Papapanou, USA, und Prof. Dr. Mariano Sanz, Spanien, erläuterten diesen Aspekt.

„Es ist nicht kompliziert“

Durch das staging werden Schweregrad und Ausmaß des mit der Parodontitis einhergehenden Weichgewebsverlustes, inklusive der Zahnverluste, eingeordnet. Außerdem spielt dabei die Komplexität des langfristigen Therapieverlaufes eine Rolle. Beim Grading werden weitergehende biologische Dimensionen betrachtet: Der Grad der Progression, verschiedene Risikofaktoren (Rauchen, HbA1c-Wert) und wie die Therapie beim Parodontitis-Patienten wirkt.

„Es ist nicht so kompliziert, wie Sie denken“, versuchte Sanz die Teilnehmer der Session zu beruhigen. Anhand klinischer Fälle zeigte er, wie man im Praxisalltag die Bewertung von Patienten nach der neuen Klassifikation vornehmen könne. Außerdem lieferte Papapanou einen praktischen Vier-Schritte-Ansatz für die Klassifizierung von Parodontitis bei Patienten:

  1. Initialer Überblick des Patientenfalls durch Sichten der Röntgenaufnahmen, des parodntalen Status sowie fehlender Zähne. Erste Einordnung in stage 1/2 (leichte bis moderate Parodontitis) oder 3/4 (schwere bis sehr schwere Parodontitis).
  2. Genauere Festlegung des stage anhand einer intensiveren Diagnostik mit Beurteilung des Knochenverlusts, Komplexität des Falles.
  3. Festlegung des grade anhand der Risikofaktoren, des Gesundheitszustandes des Patienten, Reaktion auf erste Therapieansätze und mögliche Neudefinition des grade.
  4. Erstellung eines Behandlungsplans.

Auch wenn das neugeborene Baby der Paro-Klassifikation jetzt überall kommuniziert wird, weisen Sanz und Papapanou bereits auf eine Besonderheit hin: den eingebauten Plan für eine Revision. „Sollten durch die Entwicklungen in der Wissenschaft zukünftig Anpassungen an der Klassifikation nötig sein, können diese umgesetzt werden, ohne eine ganz neue Klassifikation definieren zu müssen“, sagte Papapanou.