Panikmache

Dokumentarfilm „Root Cause“ verunsichert Endo-Patienten

Angstzustände, Depressionen und sogar Krebs aufgrund einer Wurzelkanalbehandlung – wenn es nach dem Dokumentarfilm „Root Cause“ geht, ist die Endodontie buchstäblich die Wurzel allen Übels. Zahnmediziner und Endodontologie-Gesellschaften in den USA und Europa warnen vor Panikmache, denn unter Patienten macht sich zunehmend Verunsicherung breit.


Screenshot "Root Cause"-Trailer

Screenshot „Root Cause“-Trailer, YouTube


„Root Cause“ ist ein aufwendig produzierter Dokumentarfilm des australischen Filmemachers Frazer Bailey, der auf den Plattformen Netflix, Amazon Prime, iTunes und Vimeo zum Streaming angeboten wird. Über eine Laufzeit von 72 Minuten begleitet der Film Bailey bei der Suche nach den Ursachen für seine chronische Erschöpfung, die Panikattacken und Depression. Auf seinem Leidensweg durchläuft er die verschiedensten Behandlungsformen: Von klassischer Schulmedizin über Therapien, Hypnose, Saftfasten und Chakrenausgleich. Er versucht es sogar mit dem Trinken von Eigenurin – doch keine der Behandlungen schlägt an.

Gemeinsam mit Vertretern der ganzheitlichen Medizin stößt er schließlich auf die vermeintliche Ursache seiner Beschwerden: Eine Wurzelkanalbehandlung, der er sich als junger Mann unterzogen hatte, ist für sein chronisches Unwohlsein verantwortlich. Zahlreiche Experten stützen die Geschichte und belegen unter Zuhilfenahme fragwürdiger Studien und Hypothesen, dass asymptomatische Entzündungen des Wurzelkanals bzw. die nach der Extraktion von Weisheitszähnen entstehenden Lücken chronische Gesundheitsstörungen, Autoimmunerkrankungen, Herzleiden und sogar Krebs auslösen. Vor allem der Zusammenhang zwischen Wurzelkanalbehandlungen und der Entstehung von Brustkrebs wird im Film betont: „98 Prozent der Frauen mit Brustkrebs hatten zuvor eine Wurzelkanalbehandlung auf der Seite der erkrankten Brust“ – mit solchen „Fakten“ untermauert Bailey seine Argumentation und erzeugt scheinbare Glaubwürdigkeit.

Endodontologen weltweit schlagen Alarm

Zahnärzte, Endodontologen und Wissenschaftler in den USA sind alarmiert: Seit im Januar 2019 auch Netflix den Film in sein Programm aufgenommen hat, ist die Aufmerksamkeit für den Streifen gestiegen – und damit auch die Verunsicherung unter den Patienten. In einem Brief haben die American Dental Association (ADA), die American Association of Endodontists (AAE) und die American Association of Dental Research (AADR) die Streaming-Anbieter daher aufgefordert, „Root Cause“ aus ihrem Angebot zu streichen: Die Doku schüre Angst und verbreite Falschinformationen über Wurzelkanalbehandlungen und die Extraktion von Weisheitszähnen. Die Annahmen des Films gründeten sich auf Forschungen aus den 1920er-Jahren, die später widerlegt wurden, heißt es in dem Schreiben der Gesellschaften. „Root Cause“ präsentiere diese überholten Forschungserkenntnisse fälschlicherweise als Fakten.

Die Bedenken über die Wirkung der Doku sind mittlerweile auch in Europa angekommen: Die European Society of Endodontology (ESE) zeigt sich besorgt über die Aussagen des Films. In einer Stellungnahme betonte sie die Vorteile, die Sicherheit und den Wert der Wurzelkanalbehandlung, die durch aktuelle wissenschaftliche und klinische Evidenz eindeutig belegbar seien. Auch die Deutsche Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET e.V.) schließt sich dieser Sichtweise an. Prof. Christian Gernhardt, Präsident der DGET, betont, weiterhin auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen und klinischen Erfolgen zum Wohle der Patienten verfahren zu wollen.