CP GABA Symposium 2018 in Leipzig

Ausblick auf die Zahnmedizin von morgen

"Zahnmedizin der Zukunft" lautete der Titel des CP GABA Symposiums 2018. Die Referenten boten den Teilnehmern vom Top-Thema MIH über die Implantatprophylaxe bis hin zu Hypersensibilitäten einen Rundumschlag aktuell relevanter Aspekte.



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Zu Beginn begrüßte Dr. Marianne Gräfin von Schmettow, Leiterin Scientific Affairs D-A-CH bei CP GABA, ihre Gäste: „Ich freue mich unglaublich, dass alles geklappt hat und dass alle da sind.“ Sie wies auf ein interaktives Tool hin, mit dem die Teilnehmer während aller Vorträge bestimmte Fragen beantworten und somit direkt am Geschehen teilhaben konnten.

Den Anfang machte PD Dr. Dragana Seifert, Hamburg, mit einem sehr ernsten Thema. Es ging um häusliche Gewalt und die Frage, was Zahnärztinnen und Zahnärzte tun können oder müssen, wenn sie einen solchen Verdacht bei einer Patientin oder einem Patienten in ihrer Praxis haben. „Die Region Gesicht/Mund/Hals ist am häufigsten betroffen, daher sollte man bei Auffälligkeiten direkt an diesen Aspekt denken“, sagte Seifert.

Abwechselnde Rötungen und Ablassungen im Gesicht deuten beispeisweise auf einen Schlag mit der flachen Hand hin. Seifert: „Solche Hämatome entstehen nur bei einem massiven Schlag, der auch Veränderungen im Gehirn hervorrufen kann.“ An Wangen, Augenhöhlen und Schläfe gebe es normalerweise keine „zufälligen“ Verletzungen, diese füge man sich normalerweise z.B. an der Nase oder am Kinn zu. Laut dem neuen Kinderschutzgesetz sei es die Verpflichtung des Behandlers, das Jugendamt einzuschalten. Dies sei eine Stufe unter einer Strafanzeige und die Meldung könne auch anonym erfolgen. Alternativ könne die Meldung auch beim Familiengericht eingehen. „Auch hier handelt es sich nicht um ein Strafverfahren, es ist kein Bruch der ärztlichen Schweigepflicht“, erklärte Seifert.

Bei einem Verdacht müsse man den Fall unbedingt auch mit Bildern gut dokumentieren. Bei relativ schnell verheilenden Wunden werde das Opfer in einer späteren möglichen Gerichtsverhandlung somit glaubwürdiger, sollten diese bereits abgeklungen sein. „In den meisten Fällen kommen die Patienten nicht damit auf Sie zu. Wenn Sie den Verdacht haben, sprechen Sie die betroffene Person unter vier Augen darauf an“, sagte Seifert.

Implantate und Prophylaxe

Prof. Dr. Reiner Mengel, Marburg, sprach über Implantatpatienten bei der Prophylaxe und unter anderem über die Schwierigkeit der Reinigung von (herausnehmbaren) Implantatversorgungen. Speisereste, Biofilm etc. führten teilweise zu drastischem Knochenabbau. Für die Patienten zu Hause, aber auch für das Fachpersonal in der Praxis, sei es schwierig bis unmöglich, einen Bakterienbefall in tiefen Taschen zu kontrollieren.

Anhand von Studien zeigte Mengel, dass die Überlebensrate von Implantaten nicht immer ein maßgeblicher Faktor sein kann, da auch Implantate mit umgebendem, stark entzündetem Gewebe sowie Implantate, um die herum bereits Knochenabbau zu beobachten sei, faktisch immer noch „drin“ seien. „Zieht man Mukositis, Periimplantitis und Knochenabbau als Kriterien hinzu, sieht die Bilanz ganz anders aus“, sagte Mengel.

Man solle bei der Reinigung bloß keine Stahlküretten verwenden, um Substanzabtrag am Implantat zu vermeiden, denn die Partikel landen im Weichgewebe. Als wichtige Eckpunkte seines Prophylaxekonzepts nannte Mengel die Empfehlung einer elektrischen Zahnbürste, fluoridierte Zahnpasta, Zahnseide und Interdentalbürsten und Mundspüllösungen, allerdings kein Chlorhexidin. „Ich verwende das seit zehn Jahren nicht mehr, habe keine signifikante Verbesserung festgestellt“, sagte Mengel.

Für die ZFA betonte er die Wichtigkeit, einen Recall-Intervall von drei bis sechs Monaten, je nach Risikoprofil, einzuhalten und die Patienten gut zu instruieren und zu motivieren. Als zukünftige Aufgaben sieht er die Schulung des Personals auch durch die Industrie (bzgl. der Verwendung bestimmter Hilfsmittel bzw. Präparate), die Verbesserung und Vereinfachung der Mundhygiene (z.B. leicht zu reinigende Suprakonstruktionen) und die Entwicklung von Biofilm-abweisenden Materialien.

„Meet & Talk“

Bei dem Format „Meet & Talk“ konnten die Teilnehmer an drei Stationen direkt mit den Referenten in Kontakt treten und sich über die Themen „Prophylaxe und Implantate in der Praxis“ (DH Sabrina Dogan), „Zahnmedizin plus Pädagogik“ (ZÄ Houma Kustermann und Sybille van Os-Fingberg) sowie „Die mobile Zahnarztpraxis“ (Dr. Ilse Weinfurtner) informieren.

Zahnpasta – mehr als Alchemie?

Was steckt eigentlich alles in einer Zahnpasta? Diese Frage klärte Dr. Michael Schneider, Therwil. Eine kosmetische Zahnpasta dürfe Mundgeruch verringern, die mechanische Plaqueentfernung durch die Zahnbürste unterstützen sowie als Trägerstoff für Wirkstoffe zur Prävention von Erkrankungen der oralen Hart- und Weichgewebe dienen. Eine kosmetische Zahnpasta könne nicht heilen und reparieren, sondern nur unterstützen. Schneider stellte gegenüber, was Zahnärzte und Patienten von einer Zahnpasta erwarten. Zahnärzte brauchen sie zur Unterstützung der mechanischen Plaqueentfernung und als Trägerstoff für Fluorid zum Schutz gegen Karies. Bei Patienten ist das Spektrum größer. Sie wollen Schutz vor Karies, frischen Atem, saubere und weiße Zähne und Schutz vor weiteren Problemen (Langzeitschutz, Zahnstein, Zahnfleischentzündungen, schmerzempfindliche Zähne, Erosionen etc.). Vor allem nach dem Whitening-Effekt werde immer mehr nachgefragt.

Auf die Frage der Patienten nach einer Zahnpasta-Empfehlung sollte Fluorid als Bestandteil immer ganz oben auf der Liste stehen. „Die Patienten sind überfordert mit dem großen Angebot. Schlagen Sie tatsächlich ein konkretes Produkt vor“, sagte Schneider. Die richtige Zahnpasta für die jeweilige Situation ergebe sich aus den Inhaltsstoffen. „Kennen Sie ‚Ihre‘ Zahnpasta gut, können Sie die Patienten entsprechend gut beraten“, sagte Schneider.

KFO im schwierigen Patientenalter

Mit Dr. Anna Plaumann aus Kiel machten die Teilnehmer einen Abstecher in die Kieferorthopädie. Plaumann hielt fest, dass das Karies- und Gingivitisrisiko während der festsitzenden kieferorthopädischen Therapie stark erhöht sei. Außerdem bewege sich die Therapie zeitlich oft in einem schwierigen Patientenalter. Die Motivation und Instruktion seien die Pfeiler einer funktionierenden Mundhygiene. Dazu kommen eine ausreichende Fluoridierung, regelmäßige Prophylaxesitzungen und die rechtzeitige Überweisung des Patienten vom Zahnarzt zum Kieferorthopäden. „Die Zusammenarbeit zwischen Kieferorthopäden und Hauszahnarzt ist extrem wichtig“, sagte Plaumann.

Top-Thema MIH: Therapie-Bridging bis ins Erwachsenenalter

Als „Top-Thema der Kinderzahnmedizin“ bezeichnete Referent Prof. Dr. Jan Kühnisch, München, den Inhalt seines Vortrags. Die MIH, hypomineralisierte Zähne mit der charakteristischen gelblich-braunen Verfärbung, sei bereits 1987 beschrieben worden. Damals wurde sie in 15 Prozent der Kinderpatientenfälle gefunden. Eine Strukturstörung durch einen spezifischen Einfluss während der Schmelzentwicklung ist die Hypothese ihrer Entstehung. „Seit der Jahrtausendwende gibt es einen regelrechten ‚Boom‘ in der wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema“, sagte Kühnisch. Ursprünglich ging man davon aus, dass nur Molaren und Schneidezähne betroffen seien, daher der Name. Mittlerweile wisse man jedoch, dass genauso gut jeder andere Zahn betroffen sein kann.

Man unterscheidet zwischen qualitativer und quantitativer Schmelzstörung. Bei der ersten Variante seien die Widerstandskraft und die Härte nicht so stark wie bei normal entwickelten Zähnen. Bei der zweiten Variante sei der Schmelz dünner. Es handele sich um ein Problem, das direkt nach der Geburt beginnt, aber erst im Alter von sechs Jahren sichtbar und damit diagnostizierbar werde. Damit ergebe sich ein umfangreiches und komplexes Studiendesign. Als mögliche Einflussfaktoren auf die gestörte Schmelzentwicklung gibt es mehrere Ansätze. Umwelttoxine, Vitamin-D-Mangel und genetische Aspekte könnten demnach für die Ausbildung einer MIH verantwortlich sein.

Restaurative Maßnahmen empfiehlt Kühnisch nur, wenn ein Schmelzeinbruch vorliegt. Ästhetische Eingriffe sollten nur jenseits des 18. Lebensjahres durchgeführt werden, sobald der Patient selbst entscheiden könne. „Ist nur der Schmelz betroffen, ist eine Restauration eine ‚kann‘-Entscheidung“, sagte Kühnisch. Liege Dentin offen, sei eine Restauration ratsam, da dann auch eine Überempfindlichkeit vorliege. Kühnisch empfahl ein „Bridging“ der Therapie aus der Kindheitsphase bis ins Jugendalter. Je älter die Patienten seien, desto kooperativer. „Wir müssen mit den Patienten zusammenarbeiten, nicht gegen sie“, sagte Kühnisch.

Dentinhypersensitivitäten und Lebensqualität

Einem Dauerthema in der Zahnmedizin widmete sich Dr. Sonja Sälzer aus Kiel. Dentine Hypersensibilitäten weisen in der Literatur extrem unterschiedliche Prävalenzzahlen auf, von 3 bis 98 Prozent sei alles vertreten. Eindeutig sei jedoch, dass 28 Prozent der Betroffenen durch die Schmerzen eine Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität empfinden. Per Definition handele es sich um einen kurzen, stechenden Schmerz, der ausgehend von freiliegendem Dentin meist in Zusammenhang mit Rezessionen auftritt. Der Schmerz ist eine Antwort auf thermische, taktile, osmotische oder chemische Reize. „Wichtig ist, dass der Effekt auf keine andere Erkrankung zurückzuführen ist. Es handelt sich also um eine Ausschlussdiagnose“, erklärte Sälzer. Die Schmerzen entstehen durch gingivale Rezessionen, eine wenig wiederstandsfähige Gingiva, Alveolarknochendehiszenzen, falsche Zahnputztechnik, Zahnfehlstellungen, eine kieferorthopädische Behandlung oder auch Piercings. Zu den Risikofaktoren zählen außerdem Reflux, Reguritation, psychogene Essstörungen, eine geringe Pufferkapazität des Speichels und ein hoher Konsum säurehaltiger Getränke und Nahrung. Eine erhöhte Prävalenz sei zudem nach einer Parodontitistherapie zu beobachten, mit der größten Intensität circa eine Woche danach.

Als Therapie stellte Sälzer ein Stufenkonzept vor, nachdem zunächst die Ausschlussdiagnose gestellt werden solle, um dann die prädisponierenden Faktoren zu eliminieren, eine generalisierte und lokale Anwendung von desensibilisierenden Wirkstoffen einzuleiten und ggf. wiederherstellende Maßnahmen vorzunehmen. „Die Prävention ist das Wichtigste, hier vor allem sekundär und tertiär“, sagte Sälzer. Arginin- bzw. Fluorid-haltige Zahnpasten zeigen in Studien gute und rasche Effekte und können somit die Lebensqualität der Patienten verbessern. Arginin-haltige Mundspüllösungen sind ebenso verfügbar wie Schmerzlinderungsstifte, die lokal direkte Effekte erzielen können.

Herausforderung Seniorenzahnmedizin

Über wichtige Aspekte im Umgang mit älteren Patienten referierte Prof. Dr. Ina Nitschke, Zürich. Die Selbstverständlichkeit des Alltäglichen werde durch den natürlichen Alterungsprozess zunehmend beeinträchtigt. Zusätzlich könnten sich chronische Erkrankungen einstellen, die die Lebensqualität stark beeinflussen. Bevor eine Therapieotion ins Auge gefasst wird und Hilfsmittel ausgesucht, sollten der Zahnarzt und das Personal die Therapie- und Mundhygienefähigkeit des Patienten checken. Ist das Verständnis vorhanden? Wie sieht es mit den manuellen Fähigkeiten aus? Müssen ggf. Dritte/Fremdputzer hinzugezogen werden? Wer kann die Versorgung reinigen? Wer stellt sicher, dass der Patient in die Praxis kommt?

Die Erreichbarkeit der Praxis muss auch für Ältere gewährleistet sein. „Machen Sie einen Rundgang um die Praxis herum und prüfen Sie den Weg von der nächsten Bus- oder Bahnhaltestelle“, empfahl Nitschke. Falls es hier Hürden gibt, müssen diese beseitigt werden. Einfache Hilfsmittel wie konfektionierte Brillen, Keile zum Aufhalten des Mundes sowie Hörhilfen und aufblasbare Kissen zur Lagerung des Kopfes können im alltäglichen Umgang mit alten Patienten sehr hilfreich sein. „Zeigen Sie Ihr bestes Gesicht“, sagte Nitschke. „Auch wenn ältere Menschen die Sprache häufig nicht mehr verstehen – das Herz wird nicht dement, und nimmt Zeichen der Zuneigung wahr.“ Ältere Menschen schätzten die fachliche Kompetenz des Zahnarztes als weniger wichtig ein als die psychosoziale Kompetenz des gesamten Teams. All diese Faktoren steigern den sogenannten gerostomatologischen Wohlfühlfaktor.