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30.09.15 / 00:00
Zahnarzt kümmert sich um Betreuung von Flüchtlingen

Ehrenamtlich für Flüchtlinge in Berlin im Einsatz

Das alte Rathaus in Berlin-Wilmersdorf dient Zahnarzt Dr. Peter Nachtweh als Arbeitsplatz. In der Notunterkunft betreut er ehrenamtlich das zahnmedizinische Screening für Flüchtlinge. Die improvisierten Bedingungen hier sind gut, sagt er.



Viele engagieren sich ehrenamtlich in Notunterkünften für Flüchtlinge. Einer von ihnen ist Zahnarzt Dr. Peter Nachtweh, der seit vier Wochen, zusätzlich zu der Tätigkeit in seiner Praxis in Berlin-Charlottenburg, einmal pro Woche ins ehemalige Rathaus am Fehrbelliner Platz in Berlin-Wilmersdorf fährt. Das in die Jahre gekommene Bürogebäude ist seit Sommer eine Notunterkunft für rund 800 Flüchtlinge. Im Gebäude hängen Hinweisschilder mit der Aufschrift "Zahnarzt" in verschiedenen Sprachen sowie Piktogramme, damit Flüchtlinge den Weg in das Zimmer von Peter Nachtweh finden.

Die Bedingungen hier empfindet der Zahnarzt als "gut". Notwendiges Inventar wie Schreibtisch und Regale, Instrumente und gespendete Materialien wie Einmalhandschuhe und Mundschutz sind in ausreichender Zahl vorhanden. Der Raum hat Fenster und er selbst sitzt auf einem ausgemusterten Bürostuhl. Gemeinsam mit 14 weiteren Kollegen und Kolleginnen behandelt er die Flüchtlinge vor Ort kostenfrei. Denn: "Die überwiegende Mehrheit hat keinen Versicherungsschein." In eine Sprechstunde kommen zwischen sechs und acht Patienten, manchmal aber auch deutlich mehr.

Durch den Einsatz aller funktioniert das System

Schwierigkeiten gibt es beim Ausfüllen der Patientenerhebungsbögen und bei der korrekten Schreibweise der Namen der häufig nur Arabisch sprechenden Personen. Aber es gibt auch einfachere Begegnungen: "Viele Patienten aus Syrien sprechen Englisch, dann ist die Verständigung für uns deutlich leichter." Nur die wenigsten haben auch einen Dolmetscher dabei. Da hier keine sterilen Bedingungen herrschen, muss die Weiterbehandlung in Zahnarztpraxen in Berlin und im Umland stattfinden. Nicht selten kommen die Flüchtlinge in Begleitung ihrer kompletten Familien, aus Angst, durch den Zahnarztbesuch dauerhaft voneinander getrennt zu werden.

Ein ehrenamtlicher "Scout", also jemand, der sich in Berlin gut auskennt, bringt die Patienten in seine und weitere Praxen. Auch hier behandeln die Zahnärzte und Zahnärztinnen meist ohne Honorar. "Es ist das Engagement jedes einzelnen, der mit seinen Ideen dazu beiträgt, dass das System funktioniert", sagt Peter Nachtweh, der auch schon bei "Dentists for Africa" in Kenia gearbeitet hat. 

Verpflichtung, als Zahnarzt und Arzt zu helfen

Freizeit bleibt ihm zurzeit nicht viel. "Wenn man die Not dieser Menschen einmal gesehen hat, kann man sich als Zahnarzt oder Arzt nicht mehr der Verpflichtung entziehen, zu helfen. Als die Ärzte gesagt haben, dass sie Unterstützung brauchen, war es für mich nur ein kleiner Schritt." Wenn nötig, besorgt er bei den Berliner Verkehrsbetrieben Fahrkarten für die Flüchtlinge, damit diese in die Zahnarztpraxen außerhalb der Notunterkunft reisen können.

Allerdings fehlen in Berlin und im Umland noch niedergelassene Zahnärzte, die sich bereit erklären, Flüchtlinge kostenfrei weiterzubehandeln. "Es würde schon helfen, wenn jemand sagt, ich nehme eine Person als Schmerzpatienten an." Logistisch sinnvoller sei es jedoch, kleine Gruppen zusammenzustellen, die dann gemeinsam fahren.

Er selbst will schon bald die Arbeit in Berlin-Wilmersdorf an einen Kollegen abgeben und sich stattdessen dem Aufbau einer Screening-Stelle in Berlin-Charlottenburg widmen. Dort, sagt er, herrschen noch deutlich schlechtere Bedingungen als im alten Rathaus.

Wer helfen will, kann sich auf der Website der Initiative Unabhängige Zahnärzte Berlin informieren. Hier stehen die Standorte, ein Dienstplan, in den sich jeder selbst eintragen kann, und es gibt die Möglichkeit, seine Zahnarztpraxis als Weiterbehandlungspraxis einzutragen.



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