Anne Barfuß
27.01.17 / 11:26
Expertenzirkel

Wurzelkanalaufbereitung ohne Stress

Noch immer liegt die Erfolgsquote endodontischer Behandlungen in Deutschland bei gerade einmal 50 Prozent. Können Single-File-Konzepte und feilenreduzierte Systeme das ändern? Eine Standortbestimmung.



Auf der IDS 2011 begann der Hype um die Aufbereitung mit nur einer Feile. Die Vorteile: kürzere Aufbereitungszeiten, entspannteres Arbeiten. Wann aber funktionieren Single-File-Konzepte und feilenreduzierte Systeme tatsächlich im Praxisalltag?
Bürklein: In maximal 80 Prozent der Fälle kann ein Einfeilensystem ausreichend sein (so suggerieren Herstellerangaben), vorausgesetzt, die manuelle und damit taktile Sondierung des Wurzelkanalsystems mit sogenannten Pilotfeilen sowie eine Gleitpfadpräparation und die vorherige Gestaltung einer idealen Zugangskavität und ein „Preflaring“ sind erfolgt. Diese vorbereitenden Maßnahmen stellen die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Wurzelkanalbehandlung dar.

Nur eine Feile reicht also nie?
Gorgolewski: Das wäre die absolute Ausnahme. Selbst für die elektrometrische Längenbestimmung braucht es ja eine weitere Feile.
Bürklein: Bei mir findet die Wurzelkanalaufbereitung mit nur einer Feile definitiv nicht statt.

Wie viele Feilen braucht es mindestens?
Gorgolewski: Mindestens zwei, eine Handfeile für die Gleitpfaderschließung, den Opener oder Gates-Bohrer für die koronale Erweiterung des Wurzelkanaleingangs und eine Feile mit ISO 025 für die initiale Formgebung.

Warum spricht man dann überhaupt von Single-File-Konzepten?
Bürklein: Weil das ständige Feilenwechseln während der Aufbereitung entfällt. Solche Konzepte vereinfachen das Aufbereiten nach der initialen Sondierung und Gestaltung der Zugangskavität deutlich. Bei einigen Fällen benötigt man eine Hybridtechnik, also den Einsatz maschineller Ein- oder Mehrfeilensysteme in Kombination mit zum Beispiel vorgebogenen Handfeilen. Lässt sich allerdings abschätzen, dass ein Wurzelkanalsystem mit einem einfachen Feilensystem nicht oder nur schwerlich aufbereitbar ist, etwa wegen extremer Krümmungen, sollte man erst gar nicht mit der Instrumentierung beginnen, um keine iatrogenen Stufen oder Kanalverlagerungen zu kreieren, und an den Spezialisten überweisen.

Und das könnte die Erfolgsquoten erhöhen?
Bürklein: Davon gehe ich aus. Jeder Kanal ist anders und sollte gemäß den anatomischen Gegebenheiten ausgeformt werden. Wir unterscheiden bei der Krümmung den Krümmungswinkel und den Krümmungsradius. Eine kontinuierliche Krümmung – im Röntgenbild deutlich erkennbar – ist deutlich leichter ohne Feilenwechsel aufzubereiten als eine plötzliche Krümmung mit einem Winkel von 45 Grad oder einem noch steileren. Auch pseudoelastische Nickel-Titan-Feilen möchten sich stets gerade stellen und lassen sich nicht ohne Weiteres über abrupte Krümmungen hinweg bewegen. Man sollte in solchen Fällen Step by Step arbeiten, also das Kanalsystem kontinuierlich nach und nach erweitern; man mindert so die Belastung für die einzelnen Feilen.
Single-Feilen beginnen meistens erst ab einer Größe von 25/100 mm im apikalen Bereich und sind bisweilen nur in bestimmten Größen verfügbar. Sie sind somit aufgrund des größeren Querschnitts deutlich größer und starrer als Feilen, die aufeinander aufbauen und mit geringen Größen beginnen – also solche, bei denen die vorherige den Gleitpfad für die nächste Feile bildet. Aber wie gesagt, Single-File-Konzepte können im Gros der Fälle eine adäquate Alternative darstellen. Damit arbeitet es sich für die meisten Anwender einfacher und zügiger als mit Mehrfeilenkonzepten.
Haynert: Dieses Feedback erhalten auch wir als Hersteller. Unsere Kunden erleben Einfeilensysteme als einfach und zeitsparend, insbesondere bei der reziproken Arbeitsweise.