Anne Barfuß
12.10.17 / 10:55
Expertenzirkel – ein Thema, drei Meinungen

Okklusionsonlays versus Krone und Teilkrone

Klassische Kronenpräparationen sind sehr invasiv, Präparationen für die Versorgung mit Verblendkronen noch invasiver. Bei beiden Restaurationsformen droht das Risiko eines Vitalitätsverlustes der Pulpa. Minimalinvasiver lässt sich dagegen mit Okklusionsonlays arbeiten. Wie unterscheiden sie sich von herkömmlichen Teilkronen? Halten diese auch bei extrem dünnen Keramikschichten im Okklusionsbereich? Wann sind sie indiziert, wann kontraindiziert? Wie hoch ist der Aufwand? Und wann sind herkömmliche Kronen oder Kompositrestauration die bessere Wahl?



Was läuft bei Okklusionsonlays anders als bei Teilkronen und Kronen?
Ahlers: Okklusionsonlays unterscheiden sich von herkömm‧lichen Teilkronen und Kronen durch ihre geringere Extension nach zervikal. Dabei sind Okklusionsonlays auf die Bedeckung der Kaufläche beschränkt und enden maximal im Bereich der weitesten Zirkumferenz (Äquator). Zudem werden klassische Teilkronen für Metallrestaurationen retentiv präpariert, wie beispielsweise von Shillingburg [1] vorgegeben. Keramische adhäsiv zu befestigende Teilkronen werden davon abweichend mit gerundeten Übergängen und größeren Präparationswinkeln präpariert; die entsprechenden Präparationsrichtlinien dafür hatte ich einst mit einer multizentrischen Autorengruppe erarbeitet und veröffentlicht [2]. Keramische und metallene Teilkronen ersetzen zudem mehr Zahnvolumen als Okklusionsonlays, wie Prof. Edelhoff in seinen Studien in den USA gemessen hatte [3]. Bei Kronen verläuft die Präparationsgrenze zirkulär supra-/para- oder subgingival. Dabei sind der Substanzverlust und dadurch auch die Gefährdung der Pulpa durch die Präparation am größten.

Zahnsubstanz mit Okklusionsonlays retten? Was genau heißt das in der Praxis?
Edelhoff: Ich habe in den Abb. 3 bis 8 eine Falldarstellung einer 40-jährigen Patientin mit einem umfangreichen Verlust der Vertikaldimension der Okklusion (VDO) dargestellt, die eine möglichst langzeitstabile Lösung wünschte. Für eine Ausgangssituation wie in Abb. 3 würde die Entscheidung für klassische Kronen oder Teilkronen zu viel Zahnhartsubstanzabtrag fordern. In unseren Untersuchungen konnten wir bis zu ca. 40% Zahnhartsubstanz erhalten, wenn die Therapieentscheidung getroffen wurde, anstelle einer klassischen Krone ein Okklusionsonlay zu verwenden. Entscheidend ist dabei eine defektorientierte Präparation, deren Präparationsrand möglichst nicht über die größte Zirkumferenz des Zahns hinausgeht und in den Unterschnitt eintritt, denn dies würde immens viel zusätzliche Zahnhartsubstanz kosten.

Bei welchen Indikationen plädieren Sie für diese minimalinvasive Alternative?
Ahlers: Generell sind Okklusionsonlays zur Wiederherstellung durch Erosionen und/oder Attritionen geschädigter Kauflächen indiziert. Die eingeschränkte Extension der Präparation reduziert den Zahnhartsubstanzverlust bei der Präparation. Dies schützt die Pulpa und ist insofern „minimalinvasiv“.

Okklusionsonlays sind sehr dünn, das schürt bei so manchem Anwender die Sorge, sie seien instabil. Was ist da dran?
Edelhoff: Gewisse Richtlinien bei der Präparation für ein Okklusionsonlay – z. B. aus Lithiumdisilikatkeramik (LS2) sind selbstverständlich einzuhalten. Nach wie vor gilt die vom Hersteller der Keramik, IvoclarVivadent, im Kaulast tragenden Bereich geforderte okklusale Mindeststärke von 1 mm bei monolithischer Gestaltung als empfehlenswert.

Ahlers: Und 1 mm im Kaulast tragenden Bereich ist keineswegs „hauchdünn“. In der Praxis ist dies übrigens weniger kritisch, weil Okklusionsonlays in der Regel Kauflächen restaurieren, von denen in erheblichem Maße Zahnhartsubstanz verloren gegangen ist. Die Behandlung mit Okklusionsonlays zielt dabei auf die Wiederherstellung der Zahnkonturen und der vertikalen Dimension ab. Infolge des vorangegangenen Substanzverlustes bedarf es für die Präparation lediglich der geeigneten Konturierung des Zahns, um haltbare Restaurationen zu ermöglichen. In diesen Fällen muss der Zahnarzt demnach nicht 1 mm Zahnhartsubstanz entfernen, um 1 mm dicke Okklusionsonlays eingliedern zu können. Im Vergleich dazu liegt die Indikation von Teilkronen und Kronen primär in der Behandlung von Folgeschäden der Karies mit tiefen approximalen und/oder weit nach zervikal reichenden orovestibulären Defekten.

Dünner als 1 mm sollten die Okklusionsonlays aus Lithiumdisilikat demnach nicht sein?
Edehoff: Zurzeit rate ich davon noch ab. Obwohl mehrere In-vitro-Untersuchungen abhängig von der unterstützenden Struktur (Zahnschmelz oder Dentin) geringere Schichtstärken für möglich halten, fehlt es uns zurzeit noch an klinischen Langzeitstudien. Da für manche weniger feste Glaskeramiken eine okklusale Mindestschichtstärke von 1,5 mm gefordert wird, klingt selbst 1 mm Schichtstärke für manche Anwender „sehr dünn“.

Wie steht es mit der Haltbarkeit im Okklusionsbereich?
Ahlers: Hinsichtlich der Haltbarkeit spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, darunter die Materialeigenschaften der gewählten Keramik aus Lithiumdisilikat, ihre Herstellungsweise durch Pressen und Fräsen, die effektive Schichtdicke sowie patientenspezifische Faktoren. Hinsichtlich der Schichtstärke hatte ich ja gerade ausgeführt, dass diese nach Herstellerangaben nicht so dünn sein sollte. Bei Kaulast tragenden Restaurationen von 1 mm Stärke sind daher keine Einschränkungen in der Haltbarkeit zu erwarten.



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