ANNE BARFUSS
08.05.17 / 00:00
EXPERTENZIRKEL – Ein Thema, zwei Meinungen

Karies- und Parodontitisprophylaxe: Gemeinsames und Spezifisches

Die moderne Zahnmedizin setzt auf präventionsorientierte individuelle Konzepte für Jung und Alt. Mit Erfolg, wie die DMS V belegt. Karies und auch Parodontitis sind klar auf dem Rückmarsch, gelten aber nach wie vor als die Bedrohung der Mundgesundheit. Während in Sachen Kariesprävention eine optimale Mundhygiene deutliche Verbesserungen bringt, punkten bei der Parodontitis-Prävention zusätzliche Maßnahmen.


Leitlinine 7-Punkte Interdentalkaries

Die erste S2k-Leitlinie zur Kariesprophylaxe der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) empfiehlt das Zähneputzen mit fluoridhaltigen Zahncremes. Doch nach wie vor behaupten sich fluoridfreie Varianten am Markt. Raten Sie Ihren Patienten davon ab?
Geurtsen:
Ja! Denn nur fluoridhaltige Zahncremes wirken durch Remineralisierung des Zahnschmelzes nachweislich kariespräventiv. Deshalb sollten ausschließlich diese empfohlen werden. In der neuen Leitlinie weisen die Autoren eigens darauf hin, dass es zur kariesprophylaktischen Wirksamkeit der ausschließlich mechanischen Biofilmentfernung durch Zähneputzen keine ausreichende Evidenz aus gut angelegten klinischen Studien gibt. Die kariesprophylaktische Effektivität des Zähneputzens mit fluoridhaltiger Zahnpasta ist hingegen belegt. Außer Fluorid gibt es keinen anderen Zusatz in Zahnpasten mit klinisch nachgewiesener kariesprophylaktischer Wirkung.

Aber Karies ist ja keine Fluoridmangelkrankheit …
Reich:
Das ist richtig. Bei aktiver Karies müssen zuerst die primären Ursachen reduziert werden: zu häufiger Zuckerkonsum plus bestimmte orale Bakterien. Erst dann entfalten die in Zahnpasten und Spüllösungen enthaltenen Fluoride ihre wichtige Wirkung bei der Remineralisation von Schmelzläsionen und Dentinkaries. Kurz gesagt: Die mechanische Zahnreinigung reduziert den Biofilm, im Speichel sind die Mineralien vorhanden, die für die Remineralisation notwendig sind …

… deshalb enthält die Leitlinie auch die Stimulation des Speichels durch zuckerfreien Kaugummi als eine Basisempfehlung zur Kariesprophylaxe, korrekt?
Reich:
Korrekt, und gerade Fluoride fördern diese Remineralisation als Katalysatoren.

Wer trägt den Hauptanteil am kariespräventiven Effekt? Die Fluoridwirkung oder die mechanische Entfernung des Biofilms?
Reich:
Das lässt sich aus methodischen Gründen aus den entsprechenden Studien nicht ableiten.
Neben der mechanischen Reinigung gelten auch die Reduktion des Zuckerkonsums und das Kauen zuckerfreier Kaugummis nach Mahlzeiten zur Speichelstimulation als adäquate Maßnahmen in der Kariesprophylaxe.

Profitieren davon auch die Parodontitispatienten?
Reich:
Mir sind zwar keine Studien bezüglich der Auswirkungen des Kaugummikauens auf die Parodontitis bekannt, aber ich stimme zu: Prinzipiell dürfte das Kauen zuckerfreier Kaugummis auch darauf einen positiven prophylaktischen Effekt haben.

Kann das Kaugummikauen nach dem Mittagessen das Zähneputzen ersetzen?
Reich:
Nein, aber es ist gerade zu diesem Zeitpunkt sehr hilfreich und für die meisten Patienten ausreichend. Denn wer hat schon die Zahnbürste allzeit dabei, wenn er tagsüber unterwegs oder bei der Arbeit ist? Durch das Kauen wird der Speichelfluss stimuliert. Deshalb gilt übrigens auch eine ballaststoffreiche Ernährung, die gut gekaut werden muss, als positiv. Nach dem Essen fördert Kaugummikauen den Speichelfluss, was die Entfernung der Nahrungsreste und die Zucker-Clearance beschleunigt. Zudem wirkt der Speichelfluss säureneutralisierend und remineralisationsfördernd. Insgesamt wird so die Plaquebildung verringert.

Ist das belegt?
Geurtsen:
Zur Frage der Wirksamkeit des Kaugummikauens wurde für die erste Leitlinie zur Kariesprophylaxe eine ganze Reihe unterschiedlicher klinischer Studien gesichtet, in denen der kariesprophylaktische Effekt von mindestens dreimal täglichem Kauen von zuckerfreien Kaugummis untersucht wurde.
Studien bei acht- bis dreizehnjährigen Kindern ergaben etwa nach 24 Monaten eine signifikant geringere Kariesprogression in der Gruppe mit Kaugummikauen im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne Kaugummikauen. Bei sechs- bis siebenjährigen Kindern, die zwei Jahre lang Mundhygiene-Instruktionen erhielten und zusätzlich Kaugummi kauten, trat nach zwei Jahren signifikant weniger Karies auf als in der Gruppe mit alleiniger Mundhygiene-Instruktion oder in der Kontrollgruppe ohne Instruktion und ohne Kaugummikauen.

Wie lange soll eigentlich gekaut werden? Reichen 5 oder 10 Minuten, müssen es 20 sein?
Reich:
Eine Kaudauer von 10 bis 20 Minuten ist ausreichend – so auch die Richtwerte in den entsprechenden Studien. Von Vorteil ist, dass zuckerfreie Kaugummis tagsüber nach Mahlzeiten, Snacks und zuckerhaltigen Getränken – im Gegensatz zu Bürste und Zahnpasta – schnell zur Hand und sehr einfach und praktisch anzuwenden sind. Ganz klar aber ist, dass Zähneputzen mindestens zweimal täglich morgens und abends mit fluoridhaltiger Zahnpasta erfolgen sollte, um die Karies zu verhüten.



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