Anne Barfuß
25.04.16 / 12:20
Ein Thema, drei Meinungen

Chairside-Brücken – eine Revolution

Einzelzahnrestauration im Frontzahnbereich

Zurück zur Einzelzahnrestauration im Frontzahnbereich: Da ist die Lithiumdisilikatversorgung quasi der Goldstandard. Sehe ich das richtig?
Wiedhahn: Ja, was die Festigkeit angeht, und das gilt sicherlich auch für den Prämolarenbereich. Für die Erzielung einer perfekten Imitation eines natürlichen Zahns ist eine geschichtete Verblendung erste Wahl.
Beuer: Aber das gilt nicht für die monolithische Versorgung. Fakt ist: Bei Einzelrestaurationen im Frontzahnbereich kommen wir nach wie vor um die Verblendung noch nicht herum. Nur wenn die komplette ästhetische Zone auf einmal restauriert werden muss, kann man auch monolithische Versorgungen in Erwägung ziehen. Ob aus Zirkonoxid oder einem anderen Material, das ist an dieser Stelle völlig egal. Aber eine einzelne Krone in der Front und natürliche Zähne – das schafft man ohne Verblendung nicht in ausreichender Ästhetik.

Trotz der neuen Farbgebungsmöglichkeiten?
Beuer: Ich lasse mich ja gerne eines Besseren belehren, aber ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Also das würde ich weder bei meiner Frau noch meiner Familie so machen.

Werden vollanatomische Zirkonoxidkronen sich dennoch irgendwann flächendeckend durchsetzen können?
Beuer: Lithiumdisilikat ist zurzeit das einzige Material, das im Bereich der Kronen Zehnjahresdaten vorweisen kann. Solange keine Zehnjahresdaten von anderen Materialien präsentiert werden, ist und bleibt es Goldstandard. So steht es auch in der aktuellen S3-Leitlinie, und danach richten wir in Berlin uns. Dazu kommt: Lithiumdisilikatkronen sind chairside weniger aufwendig zu fertigen als monolithische Zirkonoxidrestaurationen, und sie sind definitiv auch für den Seitenzahnbereich vom Hersteller zugelassen und bewährt. Aber wenn wir nachweisen könnten, dass monolithisches Zirkonoxid nur die Hälfte der Schichtstärke braucht und trotzdem besser funktioniert als Lithiumdisilikat, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass Zirkonoxid Lithiumdisilikat ablöst. Denn das Bessere ist immer der Feind des Guten. Aber dafür braucht es klinische Daten. Leider bietet so mancher Hersteller heute monolithisches Zirkonoxid in verschiedenen Transluzenzstufen an, hält sich aber mit weiteren Informationen, etwa zur Festigkeit, zurück.

Der Aufbiss von Vollzirkonkronen ist bekanntlich sehr hart und das nachträgliche Bearbeiten durch den Zahnarzt mühsam. Reduziert die Chairside-Fertigung das Problem?
Wiedhahn: Es ist praktisch kein Nacharbeiten im okklusalen Bereich notwendig. Denn das Material wird etwa 25 Prozent größer ausgefräst und schrumpft beim Sintern. Wir verzichten inzwischen sogar fast auf die Einprobe, denn die Zirconia-Versorgung passt quasi immer. Das ist schon wirklich faszinierend, auch für uns.

Und bei Lithiumdisilikat ist das anders?
Wiedhahn: Ja, Lithiumdisilikat hat im „blauen Zustand“, also vorkristallisiert, bereits eine hohe Festigkeit, etwa um 120 MPa.

Ein „Materialwechsel“: Was halten Sie von chairside gefertigten Kompositkronen für die definitive Versorgung? Könnte das eine Option für Bruxer sein?
Möller: Das für CEREC verfügbare Materialspektrum bietet dem Zahnarzt alle Behandlungsoptionen. Darin haben auch Nanokomposite ihren Platz. Diese stehen dem CEREC-Anwender bereits seit einiger Zeit zur Verfügung. Erst im vergangenen Jahr haben wir mit Coltène einen weiteren Materialpartner gewonnen, der in diesem Bereich führend ist. Zum Thema Bruxismus: Über die Verwendung eines Materials muss der Behandler immer selbst indikationsbezogen entscheiden.
Beuer: Für die definitive Versorgung rate ich von Kompositkronen eher ab. Den Ansatz von Enamic von VITA finde ich in der Theorie allerdings interessant.

Warum?
Beuer: Weil es sich um eine Hybridkeramik mit Keramikfeststruktur handelt, im Gegensatz zu den kunststoffbasierten Werkstoffen mit Füllern. Solche kunststoffbasierten Hybridmaterialien stellen eine spannende Entwicklung dar, aber wie bei monolithischem Zirkonoxid fehlen klinische Untersuchungen und eine klare Positionierung der Fachgesellschaften, um die Indikationen zu finden und die Vorteile gegenüber anderen etablierten Werkstoffen klar herauszuarbeiten. Auch hier gilt: Es ist verglichen mit dem Goldstandard Lithiumdisilikat als experimentell einzustufen, und darüber müssen wir den Patienten informieren.
Wiedhahn: Kompositblöcke einzusetzen erfordert zudem eine genaue Materialkenntnis, das ist nicht einfach, da können Fehler gemacht werden. So muss die Unterseite der Restauration gestrahlt werden, um eine Mikroretention zu erreichen. Die Tatsache, dass LAVA Ultimate nun nur noch für In- und Onlays sowie Teilkronen zugelassen ist, spricht für sich. Ich vermute, dass die US-Kollegen einfach die Herstelleranleitung nicht richtig befolgt haben. Denn die Kompositkronen sind nicht etwa frakturiert, wie man annehmen könnte. Sie haben sich einfach gelöst.

Setzen Sie in Ihrer Praxis Kompositkronen für die definitive Versorgung ein, zum Beispiel Brilliant Crios vom neuen CEREC-Verbrauchsmaterialienanbieter COLTENE?
Wiedhahn: Mit diesem Material haben wir bisher nicht gearbeitet, recht gute Erfahrungen haben wir mit dem Enamic von VITA speziell auf Implantaten gemacht.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Die CEREC-Zirconia-Markteinführung startet am 1. Mai. Wo wird das Material Ihrer Einschätzung nach in fünf Jahren stehen?
Beuer: Ich sehe Potenzial, vor allem mit Blick auf die Chairside-Brückenversorgung. Und wenn dazu eine klinische Studie auf den Weg gebracht wird, begrüße ich das außerordentlich. Ich sehe zudem den Bedarf, den Workflow weiter zu entwickeln, die Indikationen festzulegen, die Präparationskonzepte noch einmal neu zu definieren und, last but not least, evidenzbasiert klinische Daten zu sammeln. Das sollte aus meiner Sicht zu einem Konzept dazugehören. Mein Bauchgefühlt sagt, das Konzept funktioniert. Aber man sollte noch ein wenig Energie investieren, dann könnte es wirklich ein gutes minimalinvasives Konzept werden. Die technischen Möglichkeiten sind geschaffen. Es wird Zeit für weitere klinische Daten. Denn ich halte monolithisches Zirkonoxid für einen vielversprechenden Werkstoff.
Möller: Wir würden CEREC Zirconia nicht anbieten, wenn wir nicht davon überzeugt wären. Ein entscheidender Faktor ist aus unserer Sicht der wirklich einfache Workflow: Zahnärzte können mit den derzeit erhältlichen CEREC-Schleifmaschinen nicht nur nass, sondern nun auch trocken fräsen, was den Herstellungsprozess einer Zirconia-Restauration extrem verkürzt. CEREC Zirconia wird vorgesintert ausgeliefert und ist in diesem Zustand sehr gut zu bearbeiten. Das Material wird zudem vergrößert gefräst und anschließend im neuen Sinterofen CEREC SpeedFire auf seine endgültige Größe in 10–15 Minuten (für eine Krone) dichtgesintert. Das übergroße Schleifen fördert eine neue Dimension der Schleifgenauigkeit, was zu sehr passgenauen Restaurationen führt. Der Nachbearbeitungsbedarf reduziert sich dadurch erheblich. Ein großer Vorteil für den Patienten ergibt sich daraus, dass nicht zwei Wochen lang ein Provisorium getragen werden muss. Außerdem kann die Anprobe im unglasierten Zustand erfolgen, was einen weiteren Vorteil der Chairside-Fertigung darstellt

Herr Professor Beuer?
Beuer: Ich bin begeistert von der Chairside-Brückenfertigung. Weiterhin verspreche ich mir von dem Werkstoff monolithisches Zirkonoxid eine ganze Reihe von Weiterentwicklungen für die prothetische Versorgung, vor allem auch die Option, die Schichtstärken weiter zu reduzieren. Aber auch da sind wir noch im experimentellen Stadium. Ich würde dies alles gerne im Rahmen einer klinischen Studie ausprobieren und biete hier unsere Zusammenarbeit ausdrücklich an.

Frau Möller, was plant Dentsply Sirona? Wird es neue Studien geben?
Möller: Ja, das ist geplant. CEREC ist eine Technologie, mit der die zahnärztliche Praxis weiterentwickelt und für die Zukunft fit gemacht werden kann. Das Konzept „Single-Visit-Dentistry“ werden wir materialübergreifend vorantreiben, die Vorteile liegen auf der Hand: Für die Patienten bietet die Versorgung in nur einer Sitzung einen großen Mehrwert – sie werden nur einmal anästhesiert, müssen nicht auf eine häufig als unangenehm empfundene Abformmasse beißen und benötigen kein Provisorium. Für den Behandler eröffnen sich mit dem Konzept viele Möglichkeiten, vor allem mit Blick auf Zufriedenheit und Komfort seiner Patienten. Darüber hinaus ist es unser Anspruch, CEREC als integratives System weiterzuentwickeln. Das heißt: Schon heute ist es möglich, den prothetischen Vorschlag aus der CEREC Software mit der Implantatplanung aus der Implantatplanungssoftware GALILEOS Implant zu verknüpfen und chairside eine Bohrschablone zu planen, zu konstruieren und zu fertigen – in weniger als einer Stunde.



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