Anne Barfuß
25.04.16 / 12:20
Ein Thema, drei Meinungen

Chairside-Brücken – eine Revolution

Monolithische Zirkonoxidrestaurationen sind im Kommen. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland setzen sie sich immer mehr durch. Das Material gilt als extrem stabil, einfach zu handeln und minimalinvasiv. Selbst in Sachen Ästhetik sind die Abstriche bei Weitem nicht mehr so gravierend wie noch vor einigen Jahren. Und: Ab sofort ist auch die Chairside-Fertigung von dreigliedrigen Zirkonoxidbrücken möglich, im Seitenzahnbereich. Eine Revolution? Ja, meinen Fachleute aus der Praxis, der Hochschule und der Industrie.


Chairside-Brücke Abb. 1: Der fehlende Zahn 36 Abb. 2: Nach der Präparation Abb. 3: In der Phase Administration Abb.4. Abb. 5: In den Bildkatalogen Abb. 6: Der Abstand zur Gegenbezahnung Abb. 7: Unterschnitte werden blau dargestellt. Abb. 8: Der integrierte virtuelle Artikulator Abb. 9: Die Schleifvorschau Abb. 10: Die vergrößert gefräste Kaufläche erlaubt ein feines Relief. Abb. 11: Vor dem Sintern im Speedfire-Ofen Abb. 12: Nach dem Sintern, die Schrumpfung ist deutlich erkennbar. Abb 13: Die integrierte Lüfterfläche ermöglicht ein zügiges Abkühlen. Abb 14: Die Einprobe zeigt eine perfekte Passung Abb 15: Die Halter aus Zirkonoxid Abb 16: Brücke fertig für Glasurbrand Abb. 17: Abschlussbild nach dem Zementieren mit GIZ

Die Hersteller bieten heute monolithische Zirkonoxidmaterialien an, die wesentlich lichtdurchlässiger sind als noch vor kurzer Zeit. In Verbindung mit speziellen Färbetechniken – Voreinfärbung der Rohlinge, Tauchverfahren oder Pinseltechnik – sieht dieses Zirkonoxid natürlichen Zähnen weitaus ähnlicher als noch vor einigen Jahren. Hat sich damit das Image von Vollzirkonoxidrestaurationen verbessert?
Wiedhahn: Auf jeden Fall! Zirkonoxid als monolithisches Restaurationsmaterial wird inzwischen mehr eingesetzt denn je. Zurzeit zwar noch vor allem in den Laboren, das wird sich aber mit den neuen Chairside-Optionen sicherlich ändern. In den USA zeigen die Verkaufszahlen von Glidewell Laboratories jedenfalls heute schon einen klaren Trend zu monolithischen Kronen- und Brückenversorgungen.
Möller: Weder Zirkonoxid noch Vollzirkonoxid hatten je ein schlechtes Image. Zirkonoxid wird in der Zahnheilkunde seit etwa zwanzig Jahren sehr erfolgreich eingesetzt, seit etwa fünf Jahren auch monolithisch. Diese Keramik bietet sowohl dem Patienten als auch dem Behandler viele Vorteile: Sie ist biokompatibel, zahnfarben, sie lässt sich substanzschonend präparieren und außerdem zementieren. Die Zahnärzte vertrauen auf dieses Material, und klinische Studien geben ihnen recht.

Auch Langzeitstudien?
Beuer: Für monolithische Zirkonoxidrestaurationen gibt es keine Langzeitdaten. In der aktuellen S3-Leitlinie „Vollkeramische Kronen und Brücken“, die noch bis 2019 gültig ist, sind monolithische Zirkonoxidrestaurationen aus diesem Grund auch gar kein Thema.

Wie darf ich das verstehen?
Beuer: Erstmals wurde nach den Regularien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) eine S3-Leitlinie zur Langzeitbewährung vollkeramischer Kronen, also Vollkronen, und dreigliedrige Brücken entwickelt. Federführend durch die DGPro und die DGZMK wurde in Zusammenarbeit mit zwölf weiteren beteiligten Fachgesellschaften und Institutionen die vorhandene wissenschaftliche Evidenz aus klinischen Studien mit mindestens fünfjährigem Beobachtungszeitraum zusammengetragen und ausgewertet. Danach hängt die klinische Bewährung wesentlich vom Einsatzbereich, von den verwendeten Werkstoffen und von der Einhaltung materialspezifischer Anforderungen ab. Da es keine Fünfjahresdaten für monolithische Zirkonoxidversorgungen gibt, finden sich in der S3-Leitlinie auch keine Empfehlungen dazu. Das gilt übrigens auch für die monolithische Hybridkeramik.

Aber es gibt doch Studien …
Beuer: Aber für uns, auch ich habe an der Leitlinie mitgewirkt, bewegt sich da vieles noch im Experimentellen. Darüber müssen wir unsere Patienten nach dem Patientenrechtegesetz aufklären. Es besteht definitiv noch Forschungsbedarf.

Um leitliniengerechter zu werden?
Beuer:
Um mehr Behandlungssicherheit zu bekommen und unseren Patienten verlässliche Restaurationen anbieten zu können. Die Leitlinien verstehen sich nicht als Selbstzweck.

Vollzirkonoxid - ein Material für viele Versorgungen

Laut AG Keramik und der Deutschen Gesellschaft für Computergestützte Zahnheilkunde (DGCZ) ist man sich aber dennoch einig, dass Zirkonoxid funktioniert. So jedenfalls formuliert es der DGCZ-Vorsitzende Dr. Bernd Reiss.
Möller:
Und er hat recht. Vollzirkonoxid wird als Material für viele Versorgungen, die aus Keramik gefertigt werden sollen, etwa Einzelzahnkronen sowie Brücken, eingesetzt. Limitationen für den Einsatz ergeben sich lediglich aus patientenindividuellen Gründen. Die Ästhetik von vollanatomischen Zirkonoxidrestaurationen reicht sicherlich nicht an die glaskeramischer Arbeiten heran. Dennoch werden bereits zehn Prozent der Vollzirkonarbeiten im Frontzahnbereich eingesetzt (Exevia, 2015).
Wiedhahn: Chairside gefertigt ist das aber eher die Ausnahme, zumindest in unserer Praxis. Als CEREC-Anwender sehe ich die Indikation „monolithische Zirkonoxidkrone und -brücke“ in erster Linie im Seitenzahnbereich.

Bislang waren Brücken für den Molarenbereich in einer Sitzung aber ein No-go …
Beuer: Korrekt, und das ist auch derzeit mit keinem anderen Material möglich. Monolithische Lithiumdisilikatbrücken sind nur für den Ersatz der ersten Prämolaren freigegeben, nicht für weitere posterior fehlende Zähne. So haben wir das auch in der S3-Leitlinie beschrieben.

Damit wären Brücken von 3 auf 5 möglich …
Wiedhahn: … Ja durchaus, im Molarenbereich aber nicht.
Beuer: Das echte Potenzial, die echte Innovation von CEREC Zirconia liegt aus meiner Sicht auch nicht im Kronen-, sondern im Brückenbereich. Kronen chairside fertigen – das können wir seit 30 Jahren. Aber Brücken im Seitenzahnbereich in einer Sitzung, das ist neu, das ist spannend …

Eine Revolution quasi?
Beuer: Ja, eine echte Revolution. Bislang braucht es für Brücken mehrere Termine, mindestens zwei, jedoch oft auch mehr.
Wiedhahn: Und mit CEREC Zirconia schaffen wir eine dreigliedrige Brücke in 2,5 Stunden, inklusive Präparieren, Scannen, Konstruieren, Fräsen im Trockenfräsverfahren, Sintern, Einprobe, Bemalen und Glasieren.

Wie lange dauert das Chairside-Sintern?
Wiedhahn: Für die Brücke 24,5 Minuten, das ist auch der „eigentlich Knaller“. Anschließend folgt die Einprobe, dann das Bemalen und Glasieren, ebenfalls in dem CEREC SpeedFire-Ofen. Das nimmt weitere neun Minuten in Anspruch. Dann setzen wir die Brücke ein.

Wie häufig haben Sie das bereits gemacht?
Wiedhahn: 40 Mal mit CEREC Zirconia, dazu kommen rund 120 mehrphasig hergestellte monolithische Zirkonoxidversorgungen, inCoris TZI C-Brücken. Dabei handelt es sich um das Labor-Pendant von CEREC Zirconia.

Wie unterscheidet sich das Material?
Wiedhahn:
Gar nicht, es wurde für den Chairside-Einsatz nur „umgetauft“.

Wie viele Kronen bzw. Brücken pro Sitzung können Sie anbieten?
Wiedhahn:
Bis zu drei Kronen oder eine dreigliedrige Brücke, die im ungesinterten Zustand eine maximale klinische Länge von bis zu 32 mm hat.

Mehrgliedrige Brücken müssen also nach wie vor mehrzeitig im Labor gefertigt werden?
Wiedhahn: Richtig. Alles, was diese 32 mm ungesintert überschreitet, gehört ins Labor bzw. Praxislabor mit einer Schleifeinheit wie der MCXL und einem größeren Sinterofen.

Das Abrasionsverhalten von Zirkonoxid

Kommen wir zur oft zitierten „Furcht vor Härte“ …
Möller: Oft zitiert, aber nicht nachvollziehbar. In mehreren Studien wurde gezeigt, dass das Abrasionsverhalten von Zirkonoxid von der Oberflächenbeschaffenheit beeinflusst wird und nicht von der Härte. Es gilt: Je glatter und runder die Oberflächen sind, desto länger halten Versorgung und Antagonist.
Beuer: Der Antagonistenverschleiß durch die monolithische Zirkonoxidrestauration ist sogar geringer als bei klassischen Metallkeramikversorgungen, allerdings höher als beim natürlichen Zahnschmelz.

Ist das belegt?
Beuer: Ja, sowohl durch klinische Daten als auch Labordaten.
Möller: Vollzirkonoxid muss allerdings in jedem Fall poliert werden. So lassen sich Abrasionsschäden am Antagonisten vermeiden. Diese Politur sollte extraoral erfolgen. Müssen intraoral Anpassungen vorgenommen werden, stellt auch dies kein Problem dar. Unsere Erprober haben dabei mit normalen Polierern für Zirkonoxid gute Erfahrungen gemacht.

Es braucht also spezielle Poliersysteme?
Beuer:
Dazu würde ich raten, denn das Material ist sehr hart. Vor allem intraoral könnte es sonst kompliziert werden.

Welchen Einfluss hat die Materialhärte auf das Parodont, drohen zum Beispiel Kiefergelenkschäden?
Wiedhahn:
Das wurde in der Vergangenheit oft diskutiert, doch darauf gibt es keinerlei Hinweise.

Wie steht es mit dem Frakturrisiko?
Wiedhahn:
Das halte ich für ausgesprochen gering. Wir haben noch nie erlebt, dass ein monolithisches Zirkonoxid durchgebrochen wäre, sofern die Mindestquerschnitte für die Konnektoren eingehalten werden und keine unsachgemäßen Nacharbeiten am gesinterten Zirkonoxid durchgeführt werden. Und wir arbeiten bereits seit Jahren mit dem Material, zwar nicht in der voreingefärbten Version, aber das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.

Gibt es Studien dazu?
Beuer:
Direkt zum Frakturrisiko sind mir keine Studien bekannt. Aber 2015 gab es eine Untersuchung mit dem Titel „Stärkere Abrasionen im Gegenkiefer durch Zirkonoxid?“, die den Antagonistenverschleiß beschreibt (Mundhe et al 2015). Eine Studie aus North Carolina, USA, vergleicht monolithisches Lithiumdisilikat mit monolithischem Zirkonoxid und Metallkeramik. Sie liefert auch für monolithisches Zirkonoxid akzeptable Ergebnisse. Untersucht wurden aber nur 22 Fälle über sechs Monate (Batson et al. 2014). Eine Arbeit aus Heidelberg liefert Zweijahresvergleiche von digital verblendeten Zirkonoxidkronen und monolithischen Zirkonoxidkronen (Seydler, Schmitter 2015). Es gab weder biologische noch mechanische Unterschiede (4, 5, 6).

Thema Verblendungen

Wie häufig werden monolithische Zirkonoxidversorgungen durchschnittlich eingesetzt?
Möller:
Da kommt es auf die jeweilige Indikation an. Vollzirkonoxid ist vor allem für den Seitenzahnbereich eine Option: Eine aktuelle Befragung (Exevia 2015) zeigt, dass 45 Prozent aller Zahnärzte in Deutschland bereits Restaurationen aus Vollzirkon eingesetzt haben.

Lange wurde Zirkonoxid aufgrund der Farbgebung verblendet und Chipping in Kauf genommen. Sind Verblendungen mit den neuen Farbgebungsmöglichkeiten heute noch ein Thema?
Wiedhahn: Nein, in unserer Praxis nicht mehr, es sei denn im Frontzahnbereich.
Beuer: Und im Seitenzahnbereich sollte man für Kronen auch spätestens seit der S3-Leitlinie darauf verzichten. Denn nun haben wir schriftlich, dass Zirkonoxid verblendet im Seitenzahnbereich sicher nicht die beste Lösung ist. Davon rate ich also definitiv ab.

Wegen des Chippingproblems?
Beuer:
Absolut! Im Frontzahnbereich ist es dagegen vollkommen egal, da können wir Zirkonoxidgerüste verblenden und haben nicht mehr Komplikationen als bei anderen Lösungen.
Möller: Da Zirkonoxid in unterschied¬lichen Farben voreingefärbt verfügbar ist und durch Malfarben – wie übrigens andere Keramiken auch – auf einfache Weise individualisiert werden kann, dürfte sich ein Verblenden ohnehin erübrigen. Mit Vollzirkonoxidrestaurationen wird eine gute Ästhetik erreicht, die vor allem im Seitenzahnbereich überzeugt. Die hervorragenden Perspektiven für dieses Material ergeben sich vor allem aus den physikalischen Eigenschaften: Zirkonoxid ist metallfrei, biokompatibel und sehr hart. Die Härte des Werkstoffs ist 177 Prozent größer als die der härtesten Silikatkeramik. In der vollanatomischen Form neigt Zirkonoxid zudem nachweislich nicht zum Chipping. Die Einsatzgebiete werden zum einen durch medizinische Erfordernisse wie Langzeitstabilität, Sicherheit und optimale Funktionalität bestimmt. Zum anderen gilt es, die Patientenwünsche nach Metallfreiheit und Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen. Beide Kriterien erfüllt Vollzirkonoxid.

Werden angesichts dieser Vorteile vollanatomische Zirkonoxidkronen zum Beispiel Lithiumdisilikatversorgungen oder andere Materialien auf lange Sicht verdrängen, zumindest im Seitenzahnbereich?
Wiedhahn:
Das denke ich eher nicht. Die derzeit angebotenen Materialien betrachte ich als mehr oder weniger gleichwertig. Auch die preislichen Unterschiede halten sich in Grenzen. Bei einer 700 Euro teuren Krone kommt es letztlich auch nicht darauf an, ob ein Block 10 bis 12 Euro mehr oder weniger kostet. Das ist völlig irrelevant. Aber: Bei Brückenversorgungen in der One-Visit-Dentistry gibt es keine Alternative zu CEREC Zirconia.

Was sagt der Hersteller?
Möller:
Alle Materialien haben ihre Berechtigung. Entscheidend ist immer die zahnmedizinische Indikation, sprich: die Situation im Patientenmund. Vollzirkon schließt da – materialtechnisch gesehen – eine Lücke. Silikatkeramik, und speziell Lithiumdisilikat, bietet hervorragende Ästhetik und wird daher weiter ihre Einsatzgebiete haben. Vollanatomischem Zirkonoxid wird sowohl von Zahnärzten als auch von Zahntechnikern eine gute Perspektive attestiert.

Man hat in der Vergangenheit häufig von monolithischen Zirkonoxidkronen als Volkskronen gesprochen. Warum, wenn sich die Materialkosten kaum unterscheiden?
Wiedhahn: Die Herstellung ist relativ einfach. Und aufgrund geringer Wandstärken muss weniger präpariert werden, was die Gefahr der Pulpenschädigung deutlich reduziert.
Auch die Einsetztechnik gestaltet sich einfacher. Vollzirkonoxid lässt sich konventionell zementieren, z. B. mit Glasionomerzement. Auf aufwendige Adhäsivverfahren beziehungsweise Selbstadhäsive kann verzichtet werden.

Bei monolithischen Lithiumdisilikatversorgungen sind sie aber ein Muss?
Wiedhahn: Richtig, Lithiumdisilikat wird adhäsiv oder selbstadhäsiv befestigt. Die Grundregel lautet: Je schwächer das Material, desto fester muss der Verbund sein! Zahnmaterial und Keramik stabilisieren sich gegenseitig. Bei sehr festem Material spielt das keine Rolle. Das Ganze funktioniert schneller, einfacher und ist für viele Kollegen auch besser umzusetzen.

Rechnet sich das auch für den Patienten?
Wiedhahn: Das hängt letztlich von der Praxisstruktur und -organisation ab. Der Behandler kann sehr viele technische Arbeiten delegieren, das reduziert natürlich die Kosten. Was er dann für die Herstellung berechnet, kalkuliert und entscheidet er in Eigenregie. Für die Chairside-Erstellung einer dreigliedrigen Brücke in meiner Praxis habe ich die Zeiten ausgewertet (siehe Abb.). Das Praxisteam kann viele Schritte übernehmen, problemlos alles, was außerhalb des Patientenmundes stattfindet. Und wenn gesintert wird, lassen sich andere Aufgaben erledigen. Wie gesagt, uns reichen 2,5 Stunden für die komplette Erstellung und Eingliederung einer dreigliedrigen Brücke. Das erfordert hochkonzentriertes Arbeiten, rechnet sich aber auch für den Zahnarzt.

Und für den Patienten?
Wiedhahn: Kann es durchaus teurer sein, weil der eine Patient die gesamte Kapazität des Teams beansprucht. Normalerweise muss der Patient schließlich drei Termine für eine dreigliedrige Brücke vereinbaren. Den Chairside-Service darf der Behandler natürlich in Rechnung stellen. Positionen für die provisorische Versorgung können dann natürlich entfallen. Was letztlich berechnet werden muss, orientiert sich an der Praxisstruktur und der Patientenklientel.

Einzelzahnrestauration im Frontzahnbereich

Zurück zur Einzelzahnrestauration im Frontzahnbereich: Da ist die Lithiumdisilikatversorgung quasi der Goldstandard. Sehe ich das richtig?
Wiedhahn: Ja, was die Festigkeit angeht, und das gilt sicherlich auch für den Prämolarenbereich. Für die Erzielung einer perfekten Imitation eines natürlichen Zahns ist eine geschichtete Verblendung erste Wahl.
Beuer: Aber das gilt nicht für die monolithische Versorgung. Fakt ist: Bei Einzelrestaurationen im Frontzahnbereich kommen wir nach wie vor um die Verblendung noch nicht herum. Nur wenn die komplette ästhetische Zone auf einmal restauriert werden muss, kann man auch monolithische Versorgungen in Erwägung ziehen. Ob aus Zirkonoxid oder einem anderen Material, das ist an dieser Stelle völlig egal. Aber eine einzelne Krone in der Front und natürliche Zähne – das schafft man ohne Verblendung nicht in ausreichender Ästhetik.

Trotz der neuen Farbgebungsmöglichkeiten?
Beuer: Ich lasse mich ja gerne eines Besseren belehren, aber ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Also das würde ich weder bei meiner Frau noch meiner Familie so machen.

Werden vollanatomische Zirkonoxidkronen sich dennoch irgendwann flächendeckend durchsetzen können?
Beuer: Lithiumdisilikat ist zurzeit das einzige Material, das im Bereich der Kronen Zehnjahresdaten vorweisen kann. Solange keine Zehnjahresdaten von anderen Materialien präsentiert werden, ist und bleibt es Goldstandard. So steht es auch in der aktuellen S3-Leitlinie, und danach richten wir in Berlin uns. Dazu kommt: Lithiumdisilikatkronen sind chairside weniger aufwendig zu fertigen als monolithische Zirkonoxidrestaurationen, und sie sind definitiv auch für den Seitenzahnbereich vom Hersteller zugelassen und bewährt. Aber wenn wir nachweisen könnten, dass monolithisches Zirkonoxid nur die Hälfte der Schichtstärke braucht und trotzdem besser funktioniert als Lithiumdisilikat, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass Zirkonoxid Lithiumdisilikat ablöst. Denn das Bessere ist immer der Feind des Guten. Aber dafür braucht es klinische Daten. Leider bietet so mancher Hersteller heute monolithisches Zirkonoxid in verschiedenen Transluzenzstufen an, hält sich aber mit weiteren Informationen, etwa zur Festigkeit, zurück.

Der Aufbiss von Vollzirkonkronen ist bekanntlich sehr hart und das nachträgliche Bearbeiten durch den Zahnarzt mühsam. Reduziert die Chairside-Fertigung das Problem?
Wiedhahn: Es ist praktisch kein Nacharbeiten im okklusalen Bereich notwendig. Denn das Material wird etwa 25 Prozent größer ausgefräst und schrumpft beim Sintern. Wir verzichten inzwischen sogar fast auf die Einprobe, denn die Zirconia-Versorgung passt quasi immer. Das ist schon wirklich faszinierend, auch für uns.

Und bei Lithiumdisilikat ist das anders?
Wiedhahn: Ja, Lithiumdisilikat hat im „blauen Zustand“, also vorkristallisiert, bereits eine hohe Festigkeit, etwa um 120 MPa.

Ein „Materialwechsel“: Was halten Sie von chairside gefertigten Kompositkronen für die definitive Versorgung? Könnte das eine Option für Bruxer sein?
Möller: Das für CEREC verfügbare Materialspektrum bietet dem Zahnarzt alle Behandlungsoptionen. Darin haben auch Nanokomposite ihren Platz. Diese stehen dem CEREC-Anwender bereits seit einiger Zeit zur Verfügung. Erst im vergangenen Jahr haben wir mit Coltène einen weiteren Materialpartner gewonnen, der in diesem Bereich führend ist. Zum Thema Bruxismus: Über die Verwendung eines Materials muss der Behandler immer selbst indikationsbezogen entscheiden.
Beuer: Für die definitive Versorgung rate ich von Kompositkronen eher ab. Den Ansatz von Enamic von VITA finde ich in der Theorie allerdings interessant.

Warum?
Beuer: Weil es sich um eine Hybridkeramik mit Keramikfeststruktur handelt, im Gegensatz zu den kunststoffbasierten Werkstoffen mit Füllern. Solche kunststoffbasierten Hybridmaterialien stellen eine spannende Entwicklung dar, aber wie bei monolithischem Zirkonoxid fehlen klinische Untersuchungen und eine klare Positionierung der Fachgesellschaften, um die Indikationen zu finden und die Vorteile gegenüber anderen etablierten Werkstoffen klar herauszuarbeiten. Auch hier gilt: Es ist verglichen mit dem Goldstandard Lithiumdisilikat als experimentell einzustufen, und darüber müssen wir den Patienten informieren.
Wiedhahn: Kompositblöcke einzusetzen erfordert zudem eine genaue Materialkenntnis, das ist nicht einfach, da können Fehler gemacht werden. So muss die Unterseite der Restauration gestrahlt werden, um eine Mikroretention zu erreichen. Die Tatsache, dass LAVA Ultimate nun nur noch für In- und Onlays sowie Teilkronen zugelassen ist, spricht für sich. Ich vermute, dass die US-Kollegen einfach die Herstelleranleitung nicht richtig befolgt haben. Denn die Kompositkronen sind nicht etwa frakturiert, wie man annehmen könnte. Sie haben sich einfach gelöst.

Setzen Sie in Ihrer Praxis Kompositkronen für die definitive Versorgung ein, zum Beispiel Brilliant Crios vom neuen CEREC-Verbrauchsmaterialienanbieter COLTENE?
Wiedhahn: Mit diesem Material haben wir bisher nicht gearbeitet, recht gute Erfahrungen haben wir mit dem Enamic von VITA speziell auf Implantaten gemacht.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Die CEREC-Zirconia-Markteinführung startet am 1. Mai. Wo wird das Material Ihrer Einschätzung nach in fünf Jahren stehen?
Beuer: Ich sehe Potenzial, vor allem mit Blick auf die Chairside-Brückenversorgung. Und wenn dazu eine klinische Studie auf den Weg gebracht wird, begrüße ich das außerordentlich. Ich sehe zudem den Bedarf, den Workflow weiter zu entwickeln, die Indikationen festzulegen, die Präparationskonzepte noch einmal neu zu definieren und, last but not least, evidenzbasiert klinische Daten zu sammeln. Das sollte aus meiner Sicht zu einem Konzept dazugehören. Mein Bauchgefühlt sagt, das Konzept funktioniert. Aber man sollte noch ein wenig Energie investieren, dann könnte es wirklich ein gutes minimalinvasives Konzept werden. Die technischen Möglichkeiten sind geschaffen. Es wird Zeit für weitere klinische Daten. Denn ich halte monolithisches Zirkonoxid für einen vielversprechenden Werkstoff.
Möller: Wir würden CEREC Zirconia nicht anbieten, wenn wir nicht davon überzeugt wären. Ein entscheidender Faktor ist aus unserer Sicht der wirklich einfache Workflow: Zahnärzte können mit den derzeit erhältlichen CEREC-Schleifmaschinen nicht nur nass, sondern nun auch trocken fräsen, was den Herstellungsprozess einer Zirconia-Restauration extrem verkürzt. CEREC Zirconia wird vorgesintert ausgeliefert und ist in diesem Zustand sehr gut zu bearbeiten. Das Material wird zudem vergrößert gefräst und anschließend im neuen Sinterofen CEREC SpeedFire auf seine endgültige Größe in 10–15 Minuten (für eine Krone) dichtgesintert. Das übergroße Schleifen fördert eine neue Dimension der Schleifgenauigkeit, was zu sehr passgenauen Restaurationen führt. Der Nachbearbeitungsbedarf reduziert sich dadurch erheblich. Ein großer Vorteil für den Patienten ergibt sich daraus, dass nicht zwei Wochen lang ein Provisorium getragen werden muss. Außerdem kann die Anprobe im unglasierten Zustand erfolgen, was einen weiteren Vorteil der Chairside-Fertigung darstellt

Herr Professor Beuer?
Beuer: Ich bin begeistert von der Chairside-Brückenfertigung. Weiterhin verspreche ich mir von dem Werkstoff monolithisches Zirkonoxid eine ganze Reihe von Weiterentwicklungen für die prothetische Versorgung, vor allem auch die Option, die Schichtstärken weiter zu reduzieren. Aber auch da sind wir noch im experimentellen Stadium. Ich würde dies alles gerne im Rahmen einer klinischen Studie ausprobieren und biete hier unsere Zusammenarbeit ausdrücklich an.

Frau Möller, was plant Dentsply Sirona? Wird es neue Studien geben?
Möller: Ja, das ist geplant. CEREC ist eine Technologie, mit der die zahnärztliche Praxis weiterentwickelt und für die Zukunft fit gemacht werden kann. Das Konzept „Single-Visit-Dentistry“ werden wir materialübergreifend vorantreiben, die Vorteile liegen auf der Hand: Für die Patienten bietet die Versorgung in nur einer Sitzung einen großen Mehrwert – sie werden nur einmal anästhesiert, müssen nicht auf eine häufig als unangenehm empfundene Abformmasse beißen und benötigen kein Provisorium. Für den Behandler eröffnen sich mit dem Konzept viele Möglichkeiten, vor allem mit Blick auf Zufriedenheit und Komfort seiner Patienten. Darüber hinaus ist es unser Anspruch, CEREC als integratives System weiterzuentwickeln. Das heißt: Schon heute ist es möglich, den prothetischen Vorschlag aus der CEREC Software mit der Implantatplanung aus der Implantatplanungssoftware GALILEOS Implant zu verknüpfen und chairside eine Bohrschablone zu planen, zu konstruieren und zu fertigen – in weniger als einer Stunde.

Zusammenfassung

  • Monolithische Zirkonoxidrestaurationen setzen sich in Deutschland mehr und mehr durch. 45 Prozent aller Zahnärzte haben einer aktuellen Befragung zufolge schon eine Vollzirkonoxidrestauration eingesetzt.
  • Das Material gilt als stabil, einfach zu verarbeiten und als minimalinvasiv.
  • Die hohe Festigkeit erlaubt die konventionelle Befestigung mit Glasionomerzement oder Phosphatzement sowie geringere Wandstärken im Bereich der Zentralfissur.
  • Geringere Wandstärken reduzieren den Abtrag von Zahnhartsubstanz beim Präparieren und senken das klinische Risiko von Pulpenschädigungen.
  • Für monolithische Zirkonoxidrestaurationen gibt es allerdings zurzeit keine Langzeitdaten. In der bis 2019 gültigen S3-Leitlinie sind sie deshalb auch kein Thema.
  • Das Frakturrisiko gilt als ausgesprochen gering, sofern die Mindestquerschnitte für Konnektoren eingehalten werden und kein unsachgemäßes Arbeiten am gesinterten Zirkonoxid erfolgt.
  • Lange wurde Zirkonoxid aus ästhetischen Gründen verblendet und Chipping in Kauf genommen.
  • Von Verblendungen von Zirkonoxid im Seitenzahnbereich ist aber definitiv abzuraten. Im Frontzahnbereich können Zirkongerüste verblendet werden. Das führt nicht zu mehr Komplikationen als die Verblendung anderer Werkstoffe.
  • Bei Einzelzahnversorgungen im Frontzahnbereich kommt man nach wie vor ums Verblenden nicht herum.
  • Das Potenzial von CEREC Zirconia liegt in der Chairside-Brückenversorgung, die technischen Möglichkeiten sind geschaffen. Nun gilt es, den Workflow weiterzuentwickeln, Indikationen festzulegen, die Präparationskonzepte noch einmal neu zu definieren und evidenzbasiert klinische Daten zu sammeln.
  • Der Werkstoff „monolithisches Zirkonoxid“ verspricht mehr spannende Optionen, allen voran die Reduzierung der Schichtstärken. Doch auch da besteht noch Forschungsbedarf.

Birgit Möller

Birgit Möller
Birgit Möller ist Produktmanagement-Leiterin für CEREC bei Dentsply Sirona in Bensheim. Sie übernahm 2009 die CEREC-Marketing-Leitung und wechselte 2012 ins Produktmanagement.
birgit.moeller@dentsplysirona.com

Dr. Klaus Wiedhahn

Dr. Klaus Wiedhahn
ist niedergelassen in Buchholz und wendet seit 1989 das CEREC-System an, seit 1991 ist er auch als CEREC-Trainer tätig. Zudem ist er ­Ehrenpräsident der DGCZ.
klaus@wiedhahn.de

Prof. Dr. Florian Breuer

Prof. Dr. Florian Beuer MME
studierte Zahnmedizin in München und ist Direktor der Abteilung für Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre an der Charité Berlin. Seit 2015 gehört er dem Vorstand der DGI an.
florian.beuer@charite.de